jeans – yeah

Aus der FTD vom 24.10.2003

Zieh! An!
Von Harald Stazol

Jenseits der überstrapazierten und überalterten 501 erfüllen bekannte und unbekannte Labels die Sehnsucht nach Jeans, die endlich wieder ein Vehikel der Sexiness sind.

Es gibt diesen Moment im Leben eines jeden Mannes, diesen Tag, den man vielleicht als Lagerfeld-Zeitpunkt bezeichnen könnte: Es ist die Sekunde des Gedenkens an die Lieblingsjeans – jene unglaublich gut sitzende, zugegebenermaßen etwas abgewetzte Hose, die seltsamerweise noch länger hielt als die Beziehungen mit den Frauen, die sie schon längst wegwerfen wollten – die Lieblingsjeans also, nun, sie passen nicht mehr. Es ist eine unwiderlegbare Tatsache. Der Schock sitzt tief. Und dann?

Dann beginnt diese Odyssee, die einem das tägliche Dasein so unendlich vermiesen kann. Der Jeanskauf. Unlösbarste aller Aufgaben. Eine Levi’s 501, die hat ja inzwischen jeder, und, seien wir ehrlich, man kann sie auch nicht mehr sehen. Wenden wir uns also jenen kleiner Marken zu, jenen Labels, die noch ein wenig von der Exklusivität und Anziehungskraft bewahren, für die die Blue Jeans (entgegen anders lautenden Sommerhits) immer noch bekannt und Hoffnungsträger sind.


Der schon erwähnte Karl Lagerfeld etwa hat ganz unglaubliche Jeans in seiner Hauslinie, die sich nicht nur durch Passform, sondern eben auch durch eine gewisse Kennerschaft der Problematik auszeichnen. „Denn sehen Sie“, hört man ihn angesichts seiner Produkte schnellsprechen, „sehenSiesoeineJeansmusssitzen, vorallemaufderHüfte“ – und klar, denkt man sich, Karl, du hast leicht reden, bist schließlich Modedesigner und kannst 200 Euro für so ein Teil verlangen, weil unsereins so verzweifelt auf der Suche ist. Außerdem bist du stolz darauf, dass beim Shooting manche Frau nicht in deine Größe passt. Aber gut, die Jeans muss eben sein.


Einer der wenigen Männer, die es je auf den Titel der französischen Vogue schafften, trug Jeans: Werner Schreyer. Dazu ein schwarzes Sakko, weißes Hemd und eine Topfrau im Arm, die lächelnde Natalia Vodianova. Ob er erst die Jeans anhatte und dann die Vodianova kam oder umgekehrt, mag jeder für sich selbst mutmaßen.

Soll man Helmut Lang nennen? Karl Tillessen, dieser Tage ausgezeichneter Modedesigner zu Berlin, suchte letzte Saison verzweifelt nach neuen Jeans und war erst mit einer von Lang zufrieden. Inzwischen macht er seine Hosen einfach selber: „Ich weiß auch nicht, wie man das Problem anderweitig lösen soll“, meint er, „bei Martin Margiela vielleicht?“

Ganz ähnlich motiviert erschuf Calvin Klein in den 80er Jahren die moderne sexy Designerjeans im eigentlichen Sinn. Nicht nur, dass er den Stoff erstmals diagonal ansetzen ließ, um eine genauere Passform und höhere Elastizität zu erreichen. Okay, womöglich half es auch ein wenig, Brooke Shields in leicht aufreizender Pose und frisch aus dem Blaue-Lagune-Movie entsprungen in die Hose zu zwingen – jedenfalls sahen die Jungs und Mädchen im Studio 54 plötzlich irgendwie erotischer aus und blieben dabei.

Natürlich ist nicht zu unterschlagen, dass zum wirklichen Jeans-Effekt eine gewisse Sportlichkeit nicht fehlen sollte. Die Jeans sind und bleiben ein Vehikel der sichtbaren Fitness. Wirklich lasziv wirken sie immer noch, wenn sie an strategischer Stelle eingerissen oder gar zerfetzt sind, in der Hauptstadt wurden auch schon Modelle mit roten Badehosen drunter gesichtet, die dann gaaaaanz unverfänglich über den Rand der Jeans herauslugten – ein Look, als käme man direkt vom Wasserball, ein Effekt, der allerdings dem Nachtleben vorbehalten bleiben sollte.

Der Amerikaner Marc Jacobs hat eine Herrenkollektion vorgestellt, die ebenfalls Jeans zum integralen Bestandteil männlicher Kleiderordnung macht, allerdings darf an dem Preissegment in Europa noch ein wenig gearbeitet werden. Wer wirklich seine neuen Traumjeans sucht, sollte sich jedenfalls nicht nur auf empfindliche Investitionen einstellen, sondern auch einige Zeit mitbringen. Der Gang in den Second-Hand-Shop kann recht erfolgreich sein, manch 70er-Jahre-Modell kann jede Gucci in den Schatten stellen, auch wenn gewisse Boutiquen das sicher ungern hören werden.

Wer gern das Weite sucht, wird vom französischen Label Sabotage bald überzeugt sein, 120 Euro etwa kostet dort der Spaß. Ein heißer Tip erreicht uns, wie immer in letzter Minute, dann jedoch aus New Yorks Stadtteil Soho, aus einer kleinen Boutique, der von Jan Lindeberg nämlich. Wer in ein Paar dieser Jeans des ursprünglich schwedischen Designers hineinkommt, hat schon fast gewonnen. „Wir wollen, dass man seine Hose einbricht, so wie ein wildes Pferd erst zugeritten werden muss“, sagt er und sieht ganz gerne zu, wie man ohne Schuhlöffel in die zugegebenermaßen ziemlich knappen faded Jeans hineinschlüpft. Ist dieser Kampf aber erst mal gewonnen, dann hat es sich allerdings gelohnt, und sie kann kommen. Die nächste Frau, die einen trennen will. Von den Lieblingsjeans.

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