Die Psyche der Mode

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Der Ort: Paris. Der Anlass: die Haute-Couture-Schau des Hauses Dior. Der Star: John Galliano, das enfant terrible der internationalen Modeszene. Dass Mode und Psyche in engem Zusammenhang stehen, hat wohl niemand so genau begriffen wie der englische Couturier. Rockmusik läuft in ohrenbetäubender Lautstärke über den Laufsteg, kleine Wasserflächen, umgeben von seidenen Boudoirs sehen aus wie ein Wellness-Bad aus einer Freudianischen Vision, die Kreationen sind bunt und üppig, viel Stickerei, viel Brokat, ein Höchstmass an Eleganz. Da will jemand wirken. Da geht es um Gefühle – in den Worten von Galliano: „Haute Couture ist der Platz der Träume.“ Die Hauptfragen aber sind: Wird das Publikum überzeugt oder nicht? Fällt die Schau durch vor der ersten Reihe, in der die gesamte internationale Modewelt sitzt, jene Machthaber auflagenstarker Publikationen, die Käufer der grossen Kaufhäuser, der versammelten Journalisten?

Mode muss überzeugen, Mode, das ist eine Tatsache, richtet sich direkt an psychische Grundtendenzen – sie soll Emotionen hervorrufen, möglichst nachhaltig, nach Möglichkeit einen Hype verursachen, den Wunsch erwecken: Das will ich, das muss ich haben. Der Couturier Valentino drückt das so aus: „Die Frauen heute wollen einen Anzug, den sie auch noch in zwei Jahren tragen können. Nichts ist leichter, als eine Kundin zu verlieren, weil sie findet, dass ihre Kleider zu schnell ausser Mode sind.“ Der Druck der Industrie ist also enorm. Die Haute Couture ist der Indikator für einen durchschlagenden Trend, sie wird sofort kopiert von den billigeren Multis wie H&M und Zara, sie wird gewissermassen demokratisiert, nach unten durchgereicht, in allem, den Schnitten, den Farben, der Verarbeitung. Galliano: „Ich sehe einen Ort für Couture genauso wie für GAP.“ Und wenn Karl Lagerfeld diese Saison in Silbermoiré für Chanel macht, sickert das bis zur Streetwear und dem Casual Look durch, wie der Designer bestätigt: „Ich mache nichts, als auf die Strasse zu gehen, das ist das Modern Life.“ Und dann von dort, den Trendsettern auf der Strasse, vor allem in den Modemetropolen Paris, London und New York, wird der Trend wieder aufgefangen und schlägt als Impuls erneut nach oben durch. Tom Ford, einst Chef von Gucci, pflichtet Lagerfeld bei: „Ich gehe in alle Geschäfte. In jeden Club, den man sich vorstellen kann, um genau zu sehen, was gerade los ist.“ Und der inzwischen verstorbene Gianfranco Ferré, ein Mann, der vor seinem Modeschaffen Architekt war, sagte einst: „Ich liebe es, mir Leute anzusehen, wie sie aussehen. wie sie sich anziehen. Sie sehen so frei aus, als wären sie von niemandem beeinflusst…“

Das war nicht immer so. Erst im siebzehnten Jahrhundert, nach dem Zusammenbruch der Ständegesellschaft, orientiert sich das erstarkende Bürgertum hauptsächlich am Adel, der traditionellen Oberschicht (das ging makabererweise soweit, dass die reichen Bürger Frankreichs nach der Revolution 1789 Perücken trugen, die aus den Haaren der enthaupteten Aristokratie bestanden…). Es ist die Geburtsstunde der Mode – und ihr Antrieb ist die Psyche. Allerdings hat sich seit damals im Konsumverhalten einiges geändert. Der Soziologe Niklas Luhmann formuliert das in seinem Buch “Die Realität der Massenmedien” so: Inzwischen gibt „es keine überzeugende Oberschicht mehr, an der man ablesen könnte, ´was geht´und ´was nicht mehr´geht.“ Diese allumfassende Macht hat nun der Modeschöpfer. Eine beispielhafte Selbsteinschätzung: „Mode muss“, sagt Yves Saint Laurent, „um Mode zu sein, einen universalen Anspruch haben.“ Mit anderen Worten: Die Mode durchdringt jeden Lebensbereich. Das Wohlbefinden der Käuferinnen, die entscheiden, was sie mitmachen, und was nicht. Oder, wie der junge amerikanische Designer Michael Kors es ausdrückt: „Frauen kauften hauptsächlich aus Wunsch nach Entertainment. ´Hab ich den Blues? Los, ich kauf mir neue Kleider.´ Das hat sich geändert. Frauen brauchen Kleider, in denen sie leben können.“

Der Trend geht direkt in die Werbung, ja, die Mode ist die Werbung, man bewirbt die Gefühlswelt der Konsumentinnen, durch Anzeigenkampagnen, durch Modeblätter, hochglanzverpackt und trendy, eine Augenweide in einer betonierten Welt des Alltags, wie Luhmann schreibt: Die latente Funktion der Werbung besteht darin, “Leute ohne Geschmack mit Geschmack zu versorgen. Für einen hinreichend grossen Kreis wirkt Mode selbstmotivierend. Mit der Mode zu gehen, und zwar möglichst früh, gilt fast wie ein Zwang”. Das „Bündnis von schönem Schein und kurzer Dauer ist Thema der europäischen Diskussion.“

Man kann sich der Mode kaum entziehen, und immer wieder wird die Message verbreitet: “Wenn Du dies kaufst, fühlst Du Dich besser, Dein Marktwert steigt, Du wirst individueller, bist dem Trend voraus.” Das sind direkte Appelle an die ganz persönliche Wunschwelt, getragen von einem Riesenapparat von Public Relation – und da wäre schon allein die Kultur der Topmodels und Starfotografen, die wie kaum ein anderes Phänomen unsere Erlebniswelt und unser ästhetisches Grundempfinden definieren. Die Botschaft? Sie ist fast schon religiös – es gibt wohl mehr Abbildungen von Kate Moss oder Claudia Schiffer als Marienbilder, sie sind allgegenwärtig in den Massenmedien, sie verheissen: Wo soviel Schönheit möglich ist, ist die Welt noch in Ordnung. Wenn Carla Bruni mit Nicolas Sarkozy, immerhin dem Präsidenten der Franzosen, poussiert, ist das eine Nachricht für die Massenmedien, und ohne die eine Verbreitung der Mode gar nicht möglich wäre. Es ist müssig, daran zu erinnern, das die saisonale Neuausrichtung der Modewelt und des Zwangs, immer den letzten Schrei zu besitzen, eine künstliche Inszenierung der Industrie ist, die sie sich Anfang der Fünfziger Jahre einfallen liess, um den Verkauf anzukurbeln: Eine Taktik, grossflächig in die Hirne der Verbraucher einzufliessen und einen künstlichen Mehrbedarf zu schaffen, der bis heute anhält. Luhmann: „Obwohl Mode, was zum Beispiel Farbskalen betrifft, mehrere Jahre im Voraus geplant werden muss, erscheint sie erst am Objekt, und dann hat man nur wenig Zeit, sich zu informieren.“ Also reagiert man auf den Kaufanreiz kurzfristig und direkt, genau, was die Werbung will.

Auch die Soziologin Elena Esposito hat diese Erscheinung erschöpfend behandelt, in ihrem Standardwerk “Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden: Paradoxien der Mode”: “Wer sich an einer bestimmten Mode orientiert, findet diese schlicht schön, ohne über den, im Übrigen wohlbekannten, Sachverhalt zu reflektieren, dass (die Mode) nur kurz vorher nicht gefallen hätte und in Kürze nicht mehr gefallen wird.” Der Wunsch, als Individuum zu gelten, anders zu sein als die anderen, hebt sich selbst auf – wo alle anders sein wollen als die Anderen, werden alle immer gleicher. Man erinnere sich an die plötzlich aufkommende Tendenz junger Frauen, Röhrenjeans zu hohen Stiefeln zu tragen: Erst eine vereinzelte Erscheinung in den Grosstädten, hat sich der Hype inzwischen derart verbreitet, dass man in der City von Hamburg, von München, von Köln kaum noch andere Kombinationen sieht. Elena Esposito dazu: “Im Zeitalter der Moderne strebt man das Neue an, und dies erfordert Erfindungsgeist und Vorstellungskraft; man ahmt nicht dauerhafte Vorbilder nach, sondern paradoxerweise das, was sich als abweichend und andersartig darbietet”. Mit anderen Worten: Wenn John Galliano seine neueste Kollektion vorstellt und diese massenmedial verbreitet wird, erwartet die Industrie gleichsam eine Durchsetzungskraft des Trends, solange, bis er, unendlich kopiert, unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht. Esposito: “Die Mode ist ein überwiegend öffentliches Phänomen…” Und weiter: “Prestige basiert nun nicht mehr auf Herkunft, sondern auf dem geheimnisvollen Anspruch auf Originalität, der ganz andere Anforderungen stellt.” Auch die Designer haben dies natürlich längst erkannt – wie etwa Yves Saint Laurent: „Ich will Teil der Avant-Garde sein, etwas Neues und Interessantes tun.“ Oder wie Giorgio Armani es ausdrückt: „Mein Geheimnis ist es, Dinge zu machen, die einer Traumwelt entstammen“ – da ist es also wieder, das freudianische Feld der Träume – „Dinge, die man nicht jeden Tag vor sich hat. und die Hauptfrage ist: Was kommt als nächstes?“ Und Tommy Hifiger gibt zu Protokoll: „Wir kreiren die Trends und machen sie wichtig für die Modewelt.“ Alexander McQueen sagt: „Im Avant-Garde-Segment geht es nur um Innovation!“ Nur Calvin Klein tanzt mit seiner Meinung ein wenig aus der Reihe: „Es gibt keine Modezaren mehr. Niemand kann mehr für Saison zu Saison den Stil diktieren…“ Worin ihm wiederum Christian Lacroix widerspricht: „Ich will, dass man mir folgt!“

Man zieht an, worin man sich wohlfühlt. Und schon wieder wirkt die Mode direkt auf die Psyche, wenn auch wohl eher unbewusst.  Wie das morgendliche Ritual etwa vor dem Gang ins Büro, sei es das etwas speziellere Kostüm, seien es die hochhackigen Schuhe oder den kuscheligen Pullover auszusuchen. Und immer wieder hört man vor den Kleiderschränken der Republik den Schrei, die Überzeugung: „Ich habe nichts anzuziehen” – was natürlich reiner Quatsch ist und die Übermacht der Trendsetter und Konsumwelten demonstriert.

Und natürlich hat so die Psyche auch eine Auswirkung auf die Mode. Der Amerikaner Ralph Lauren sieht das so: „Die Leute sollten so sein, wie sie sind, und der einfachste Weg sich auszudrücken, sind Kleider. Ich liebe das unmodische Modegirl – ein Mädchen mit genug Autorität, sehr streng geschnittene Kleider feminin zu tragen. Ich habe schon immer den Look alter englischer Herren gemocht, die sich mit Klasse und Stil anzogen, aber so taten, als wäre ihnen das egal.“ Die Soziologin Elena Esposito führt dazu aus: „Man beobachtet sich, indem man beobachtet, wie man beobachtet wird“ – eigentlich schon ein Beweis der Wirkung der eigenen Psyche auf das Modeverhalten. Denn: „Das Urteil über den Wert des Geschmacks ist zugleich ein Anzeichen für den Wert desjenigen, der das Urteil ausspricht.“ Die grösste Gefahr dabei ist „dem Lächerlichen anheimzufallen als einem Anzeichen für die falsche Koordination zwischen der Beobachtung der anderen und seiner Beobachtung ihrer Beobachtung“ – soll heissen: Wer das Falsche anzieht, ist erstmal unten durch. Das Selbstbild, das eine Person von sich hat, ist also gewissen Grenzen unterworfen. Es handelt sich um „intime Interaktionen – unerschöpfliche Quelle von Schwierigkeiten, Neurosen und Frustrationen.“ Der Geschmack wird „mit jeglichen damit in Zusammenhang stehenden Schwierigkeiten auf allen Ebenen der Gesellschaft zu einem individuellen Problem.“

Bill Blass, ein sehr berühmter amerikanischer Modedesigner bis zu seinem Tod 2002, sah das Ganze schon 1964 etwas lockerer: „Zu glauben, die Mode habe nur eine einzige Richtung, ist ganz falsch. Wir haben jetzt seit zwei Dekaden in zwei Looks existiert, dem von Chanel und dem von Balenciaga. Es sollte mehrere akzeptable Möglichkeiten geben, sich anzuziehen. Vielleicht ist der New Look ein No Look.“ Auch Valentino gibt ein bisschen Entwarnung. Seiner Ansicht nach sollte die Garderobe einer Frau „zwei Morgen-Outfits, ein paar Dreiteil-Ensembles und einen Anzug oder ein Cocktailkleid“ umfassen. Und der Amerikaner Arnold Scaasi wird ganz psychologisch: „Heute sehen die Frauen gleich aus, und die Wohnungen sind unterschiedlich. Früher sahen die Wohnungen gleich aus, und die Menschen waren unterschiedlich. Wenn man die Massanfertigung macht, ist man schon so etwas wie ein Psychologe – man sieht die Kundin fast nackt, physisch wie psychisch. Eine grosse Verantwortung, kann ich ihnen sagen.“ Und so bleibt nur das Schlusswort der Soziologin Elena Esposito: „Hieraus erklärt sich die unwiderstehliche, einschliessende Kraft der Mode, die sowohl diejenigen einbezieht, die sich nach ihr richten, als auch diejenigen, die sich ihr widersetzen.“

HARALD STAZOL