interview friedrich von thun as printed of today in stern tv

Thursday, January 26, 2006, 16:12
interview friedrich von thun as printed of today in stern tv
Interview Friedrich von Thun, ZDF: „Die Entscheidung“ und „Tod eines
Keilers“

Daniel Schoeps, Harald Stazol – „S“

S: Herr von Thun, in der ZDF-Produktion „Die Entscheidung“ spielen Sie einen
vermögenden Großvater, dessen Enkel, ein Kind von sechs Jahren, ein neues
Herz benötigt. Sie sind bereit, einer Schweizer Privatklinik eine Million
Euro für ein Spenderherz zu zahlen – ihr Sohn hat Skrupel, weil die Herkunft
des Organs nicht eindeutig geklärt ist und vertraut stattdessen auf die
offizielle Warteliste. Kinder als Organspender – ein ziemlich ernstes Thema
für einen abendfüllenden Film.

T: Das ganze Team sass nach dem Drehen immer da und wir sagten uns,
hoffentlich passiert das keinem von uns. Ich musste mich natürlich in die
Rolle einfinden: Ich bin der besorgte Großvater, Geld spielt keine Rolle und
ein Kind wird sowieso sterben. Ich entscheide, dass mir mein Enkel wichtiger
als ein unbekanntes Kind. das ist natürlich ein moralisches Problem, und das
war auch der Punkt, an dem ich für mich und die Rolle zumachte – bis hierhin
und nicht weiter.

S: Also nach dem Motto: Wenn es um die eigene Brut geht, ist jedes Mittel
recht? Man opfert ein unbekanntes Kind, um das eigene zu retten.

T: Na, da bringt ja keiner ein Opfer. Die Million ist kein Opfer. Ich nehme
aus Liebe zu meinem Enkel den Tod eines anderen Kindes in Kauf – von
irgendwo kommt ja das Herz, und der Spender ist ja schon tot: Wenn mir ein
seriöses Krankenhaus aus der Schweiz ein Herz anbietet, dann bin ich aus dem
Schneider. Ich kann ja auch nicht bei den Darmfäden oder den Blutkonserven
wissen, woher die kommen – das war mein Gerüst, mit dem konnte ich arbeiten.
Mein Sohn ist im Film einfach zu schwach. Der packt das nicht, also muss ich
die Dinge in die Hand nehmen. Ausserdem habe ich die Dokumentationen, die er
ja gesehen hat, selbst nicht gesehen, das will ich auch gar nicht. Da mache
ich sofort zu, ich handele wirklich aus Liebe. Man muss das so sehen, sonst
wirst du mit der Rolle, dem Typen nicht fertig. Ich bin ja nicht einer der
sagt, „Was kostet ein Kind? Wer bringt das um? Hier hast du das Geld?“ Ich
wasche meine Hände in Unschuld.

S: In „Tod eines Keilers“ sind Sie ein etwas tatteriger Medizinprofessor,
der unter Mordverdacht gerät und sich partout nicht an die Tat erinnern
kann, eine schwarze Komödie. Liegt Ihnen das komödiantische Fach eher?

T: Zunächst muss ich sagen, dass wir beim Dreh überhaupt nicht gemerkt
haben, dass das ganze eigentlich eine Komödie ist. Das hat vorher niemand
gewußt. Weder mir noch der Rehberg noch dem Regisseur ist das zunächst
aufgefallen – nach der ersten Vorführung sagte der Regisseur, Urs sagte:
„Du, das ist ja komisch, was das passiert, die Leute lachen!“ Wir fragten
uns alle, warum die Leute lachen, schließlich geht es um einen Mord. Aber
wir haben uns natürlich auch gefreut darüber. Ich persönlich spiele sehr
gerne in Komödien. Aber als ich das Drehbuch der „Entscheidung“ sah, das
muss ich sagen, war ich zunächst einmal über die Qualität überrascht. Sie
wissen ja nicht, was einem so alles angeboten wird. Ich habe seitdem vier
Rollen angeboten bekommen, Produktionen in aller Herren Länder, Namibia,
Irland und Indien – aber als ich die Bücher sah, dachte ich nur, um Gottes
Willen, wer schreibt denn soetwas. Unfassbar. „Die Entscheidung“ ist da
wirklich eine Ausnahmeerscheinung, ein gutes Buch, ein wichtiges Thema:
Organhandel mit Kinderherzen, wasserdicht recherchiert, einfach toll.

S: Richtet sich das Niveau der Sendungen zunehmend an den immer verwöhnteren
Zuschauer – oder wird das Fernsehen einfach immer schlechter?

T: Wissen Sie, man ist mit solchen Urteilen immer etwas schnell bei der
Hand. Man muss das differenzierter sehen. Grundsätzlich ist zu sagen, dass
sich das Programm natürlich verändert hat: Da gibt es die Privaten, die
Öffentlich-rechtlichen, das Volksmusikprogramm, Spielshows und alles andere.
Und trotzdem gibt es Filme wie „Die Entscheidung“ und „Tod eines Keilers“ –
nur eben weniger. Und wenn man das Glück hat, bei einer solchen Produktion
dabei zu sein – und als Schauspieler empfinde ich das als Glück, wenn ich
mit einer guten Besetzung, mit einem guten Buch und einem guten Regisseur
arbeite – da kann ich sagen, da stehe ich jetzt dahinter, da bin ich stolz
drauf. Man nimmt ja auch Dinge an, da sagt man sich, gut, das kann ich
irgendwie stemmen. Und dann sehe ich es und dann ist es ein schlechter Film.

S: Das merkt man nicht gleich beim Drehen?

T: Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass man es selber schafft, dass man es
allein schafft. Das ist immer ein Teil des Ganzen. Du kannst ein gutes Buch
lesen und dann ist es dennoch einfach nicht gelungen. So etwas gibt es ja.

S: Und in dem Moment, wenn der Film geschnitten wird, sind Sie ja längst
wieder zu Hause.

T: Deswegen bin ich ja total froh und dankbar, dass jetzt zwei Filme laufen,
und das ausgerechnet beim ZDF, die mir gut gefallen.

S: Sie sind ja eine ungewöhnliche Kombination: Einerseits der soignierte
Herr, der Gentleman des deutschen Fernsehens – und privat sind Sie ein
Abenteurer. Sie fahren durch Laos und durch Kambodscha, das machen wenige.

T: Na gut, das ist bei mir so langsam gekommen. Erst habe ich gespielt, bei
diesen Ludwig-Thoma-Filmen, dann habe ich Regieassistenz gemacht, dann habe
ich beim Bayerischen Rundfunk nie ein Fernsehspiel bekommen – der erste
Dokumentarfilm, den ich gemacht habe, das kam so: Da sassen zwei Freunde, die
hatten gerade den Flugschen gemacht. und die sagten, wir haben da zwei
einmotorige Flugzeuge geliehen und wir fliegen morgen nach Timbuktu. Und ich
sagte, Timbuktu, ja, wo ist denn das, und die, na, am Niger, in Mali. Und
dann sagten die, na komm doch mit, machen wir einen Film, oder was. Dann bin
ich zu einem Redakteur des BR gegangen und habe gesagt, ja, ich würde gerne
nach Mali. „Wohin?“ hat der gesagt. Ich wusste, dass der BR nur
Dokumentationen macht wo irgendwie Deutsche drin vorkommen. Und ich hatte ja
keine Zeit zum Recherchieren. Dann bin ich darauf gekommen, dass es da einen
Mann gegeben hat, einen Heinrich Barth, der war der erste, der Timbuktu
überlebt hat – vorher wurden Fremde da einfach umgelegt, weil Timbuktu eine
verbotene Stadt war, es war eine reiche Handelsstadt. Und dann hab ich
gesagt, ich mache eine Geschichte über moderne Abenteurer und daneben
erzähle ich die Geschichte von Heinrich Barth. Und dann fragte der BR, ja
wieviel brauchst du denn dafür, und ich: Keine Ahnung. Dann gab mir der BR
20000 Mark und die Ausrüstung und den Schnitt und wir sind damit los. Das
ist ein ganz schöner Film geworden. Das war so 1972, damit hat das
angefangen, das fand ich toll. Und dann sagte der Bayerische Rundfunk, wir
haben da so eine neue Reihe, die heißt „Abenteuer heute“, die können Sie
bearbeiten.

S: So entstand auch ihr Film über die Maya?

T: Ja – wir sind nach Mexiko und haben da angefangen zu drehen und haben uns
da abwerfen lassen. Wir sind da völlig ahnungslos hin. Schön war das mit den
Giftschlangen – wir fragten uns, ob wir das Serum dabei hätten – nein, das
war in der Kiste, die wir vergessen haben. So ging das. Einmal sassen wir
auf der Wiese und warteten, weil der Pilot uns nur einzeln einfliegen
konnte, und dann kamen die echten Indianer, die wahren Nachfahren der Maya,
die kamen dann in weißen, bodenlangen Hemden und langen, schwarzen Haaren.
Wir sagten dann, wir würden gerne etwas bleiben und den Tempel sehen, der
war von einem Halb-Deutschen entdeckt worden, der später umgebracht wurde –
darüber habe ich dann den Film gemacht.

S: Später haben Sie dann dafür gesorgt, dass große Teile der bayerischen
Bevölkerung sich in Taucheranzüge geworfen haben…

T (lacht): … ja, der Schatz am Inn, das war eine tolle Sache. Da gab es
eine Ausstellung über die Wittelsbacher und da war ein goldener Löffel und
ein großer Silberteller und da stand drunter: Gefunden im Inn als Teil des
Silberschatzes aus dem Dreissigjährigen Krieg. Dann fand ich heraus, dass
der bayrische Kurführst, der sehr reich war, seinen Silberschatz vor den
Schweden in Sicherheit bringen wollte, und zwar per Schiff nach Passau.
Leider war der Kapitän betrunken und prallte gegen den Brückenpfeiler in
Mühldorf und sank. Dann hatte ich aus dem geheimen Wittelsbacher Hausarchiv
die Inventarlisten verglichen und schätzen lassen – das war richtig was
wert: Ich habe darüber drei Filme gemacht. Da war sogar ein Hamburger
Tauchverein auf der Spur, da sagte ich den Mühldorfern, wenn die das finden,
ihr blamiert euch, ganz Bayern wird euch auslachen. Ich habe mir das Gebiet
schützen lassen, da braucht man ein Tauchrecht für eine bestimmte Zeit.

S: Aber gefunden haben Sie leider nichts?

T: Ich habe gesagt, bevor die Hamburger das finden, lasst mich noch einmal
weitersuchen – ich habe dann ein Schwert gefunden, es hat da eine Schlacht
gegeben, das wußte ich. Fahrräder und Armbrustspitzen obwohl wir nach
Planquadraten suchten. Der Fluss, hat seinen Verlauf über die Jahrhunderte
irrsinnig oft verändert, und dann wurde er befestigt. ich habe ein Modell
bauen lassen mit Kisten, um zu prüfen, wie die sich beim Untergang
verhalten, aber es war hoffnungslos.
S: Von diesem Abenteuer zum Hasch-Schmuggeln scheint es da nur noch ein
kleiner Schritt zu sein…

T: … naja, das war in einer Zeit, als man solche Sachen noch etwas
lockerer sah. Es gab in Marokko Fumerien, da ist man hingegangen und hat
nachmittags, so wie in Italien einen Espresso, da hat man ein Pfeifchen
genommen und ist weitergegangen, das fanden wir auch sehr angenehm und haben
dann etwas mitgenommen.

S: Und da hatten Sie keine Angst, am Flughafen aufzufliegen?

T: Das war Anfang der Siebziger Jahre, da war das alles noch nicht so wild.
Ich weiß noch genau, wie wir im kleinen Kreise sassen und dann haben meine
Eltern probiert, ja, das schmeckt komisch – bis dann die Leute in München
kamen und sagten, hey, ihr habt doch da so Zeug, da hab ich gesagt, jetzt
hören wir lieber auf, das wird mir zu heiß, die Sache.

S: Soviel zum Thema kultureller Umgang mit Rauschmitteln.

T: Das war aber kein Haschisch, das war Gras! Wir waren ja eigentlich da
wegen der zweiten Dokumentation, das war zehn Jahre nach dem Erdbeben in
Agadir, und ausserdem folgten wir dem Living Theater.

S: Das hört sich jetzt ein bischen wie Woodstock an.

T: Das Living Theater war eine freie Theatergruppe, ganz ausgeflippte Typen,
richtige Freaks, mich hat das sehr interessiert, die nahmen immer Honig aus
Mekka und hatten dort Gnauis, eine Art Religion, die sich mit Trommeln in
Trance versetzten und haben sich gegeißelt, die Franzosen haben das
verboten.

S: Dann war da noch die große Habsburger-Dokumentation.

T: Ich fand die Beiträge sehr gur, aber die Moderationen von mir haben mir
nicht so gefallen. Ich sollte einmal den Kurfürsten die Suppe versalzen, da
bin ich im Kreis und habe Suppe ausgeteilt, solche Regieanweisungen waren
das – furchtbar, wirklich.

S: Zu etwas anderem: Wir hören, Sie sind ein konservativer Geldanleger?

T: Ich verstehe davon eigentlich zu wenig. Ich kaufe Sachen, die mir jemand
sagt, ich habe auch Dinge gekauft, die dann nichts mehr wert waren. Das ist
so ein Thema… da möchte ich eigentlich nichts zu sagen. Es ist gut so,
dass die Regierung diese Investitionsmodelle abschaffen will, ich finde es
unmoralisch, dass man aus steuerlichen Gründen sich an Schiffen beteiligen
soll, ohne eine Ahnung zu haben…

S: …das gilt doch auch für Filmfonds…

T:… die Amis nennen das ja auch nicht ohne Grund stupid money. German
stupid money. Aber das muss ja nicht sein, man wird ja dazu gezwungen. Ich
will meine Steuern zahlen und meine Ruhe haben.

S: Sie sind wegen einer Mambo-Version der österreichischen Nationalhymne vom
Internat geflogen.

T: Ich sass am Schlagzeug und in der Wut über eine vermasselte Nachprüfung
habe ich dann den Mambo-Rhythmus unterlegt. Das gab doch einige Irritation.
Nur im Theaterspielen war ich wohlgelitten, da gab es den Pater Willibald,
der schützte mich, weil ich bei ihm spielte, Ali Baba und die vierzig Räuber
zum Beispiel.

S: Was wäre denn eine ihrer Traumrollen?

T: Ich würde gern mehr Substantielles spielen, das wäre vielleicht noch ein
Wunsch.

Thursday, January 26, 2006, 16:12