Labadee, 20. Januar 2010 – Im Hafen von Labadee, einem von 8 Metern hohen
Mauern umgebenen Luxusresort, etwa 90 Kilometer vom Katastrophenort
Port-au-Prince entfernt, ist immer noch alles, wie es vor der
Naturkatastrophe war. Ganz nahe dem Epizentrum des schwersten Erdbebens
in der Region legen die grossen Luxusliner verschiedener
Schiffsgesellschaften an, als wäre nichts geschehen - und sorgen für
Kontroversen: Soviel sonnenverwöhnte Passagiere, die sich am
haitianischen Traumstrand Jetski, Cocktails und Sonnenbaden hingeben,
ganz in der Nähe von Trümmern, Toten, Seuchen und Hunger, findet Kritik
und löst in der öffentlichen Meinung sogar Abscheu aus.
Dass die solventen Schiffsgäste mit ihrer Anwesenheit aber auch hunderte
Familien ernähren und in der Region unverzichtbare Geldbringer sind,
wird dabei ausser Acht gelassen – allein die „Independence of the Seas“
ein 340 Meter langes Traumschiff der Royal Caribbean International
Schifffahrtsgesellschaft, hat 3100 Gäste an Bord, die zwar gerne die
fünf Privatstrände von Labadee geniessen - ein reines Gewissen so nahe
dem Ort der Naturkatastrophe zu haben, fällt angesichts der immer wieder
auftretenden Nachbeben, der katastrophalen Versorgungslage und der
Verzweiflung der Bevölkerung immer schwerer. Auf der Internetseite
Cruise Critic, einem Portal für Schiffsreisende, schreibt ein Passagier:
„Ich kann einfach nicht in der Sonne liegen, im Wasser spielen, Barbecue
essen und einen Cocktail nehmen, während in Port-au-Prince zehntausende
Leichen in den Strassen gestapelt sind und die überlebenden nach Essen
und Wasser suchen.“
John Weis, der Vice-President der Schifffahrtslinie Royal Caribbean sagte
dem englischen Guardian: “Alles zusammen betrachtet, ist Labadee
dringend notwendig für Haitis Wiederaufbau.” Weis koordinierte sich
sogar mit der UN: “In unserem Gespräch mit dem Sonderbeauftragten der
UN für die Haitianische Regierung, Leslie Voltaire, sagte jener, dass
Haiti von den Umsätzen jedes Anlegens unserer Schiffe profitieren wird.”
Die Linie Royal Caribbean gab vor kurzem 55 Millionen Dollar für die
Modernisierung Labadees aus und beschäftigt dort 230 Haitianer, eine
Entwicklung, die als grösstes privates Investment in der Region als
vorbildlich gilt – sogar Bill Clinton besuchte den Ort. John Weis
weiter: „Wir haben fantastische Möglichkeiten, unsere Schiffe als
Transportmittel für Hilfsgüter und Hilfspersonal einzusetzen“. Am
Freitag vergangener Woche wurden etwa vierzig Paletten an Reis, Bohnen,
Milchpulver und Konserven geliefert – sie werden von der Organisation
„Food for the Poor“, einem langjährigen Partner von Royal Caribbean
verteilt – weitere 80 Paletten werden vor Ort noch gelöscht und auf den
zwei nächsten Schiffen stehen zusätzliche 16 bereit. „Das Anlegen
verlief am Freitag sehr gut“, sagt ein Sprecher der Gesellschaft,
„unsere Gäste sind froh darüber, dass 100 Prozent der Umsätze des Stops
gespendet werden.“ Überdies stellte die Gesellschaft überzählige
Deckchairs den Krankenhäusern vor Ort zur Verfügung
John Weis betont: „Wir können Haiti nicht in der Stunde höchster Not
nicht im Stich lassen.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer am Himmel von
Haiti.
HARALD STAZOL
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Harald Nicolas Stazol ein jahrhunderttalent. es war nicht sicher, ob die rennbahn ascots ihm liegen würde, weil er erst sandown gewonnen hat, und dieses rennen vor zwei jahren als favorit verlor. ruby walsh ist jockey der stunde, nichols der trainer. es steht zu vermuten twist magic cheltenham im märz dominieren wird, er läuft fünf rennen. auf kauto star wird ebenfalls zu achten sein.
Von Harald Stazol
Im berühmtesten Rotlichtviertel der Welt sind die meisten Frauen ihr eigener Chef. Wer sich anbieten will, mietet ein Fenster - ganz legal. Der Staat bestimmt die Regeln im Berufsverkehr.
Manche Männer klammern sich an die Illusion. Sie wollen einmal derjenige sein, bei dem sich mehr ereignet als bei allen anderen. Ein ewiger Männertraum, auch hier im ältesten Teil Amsterdams; jenem bisschen Land, das die Stadt im 13. Jahrhundert dem Wasser mit einem Wall abtrotzte, der dem Rotlichtviertel seinen Namen gab: De Wallen, verniedlicht zu Walletjes.
Tausende von Männern wandern täglich durch die Straßen, vorbei an Fenstern, hinter denen die Frauen Barbiepuppen in Plastikverpackungen gleichen: Körper auf purpurnem Grund, weiß, schwarz, elfenbeinfarben und manchmal schon ein wenig welk, allesamt käuflich, alle zu haben.
Männer sind Kunden, Freier. Und Freier, die davon träumen, etwas Besonderes zu sein, “lesen zu viele Frauenzeitschriften”, sagt Jacqueline und lacht. “Softies, die einem sagen, ich will, dass es auch schön für dich ist.” Sie lacht noch lauter, wirft ihren Kopf in den Nacken und rollt mit den Augen. “Ich denke immer nur: come on! Habe alles andere im Kopf - wo ist meine Geldbörse, wie spät ist es, ich bete, dass das Kondom nicht verrutscht! Was bilden die sich ein?”
Jacqueline war berühmt für ihre roten Haare und ihre Hotelbesuche, ihr Leib war beliebt. “Immer hatte ich die volle Kontrolle über die Situation”, versichert sie unaufgefordert, sogar bei der Fußballmannschaft, damals im Hotel. Erst seien sie ganz laut gewesen in der Lobby, und dann auf den Zimmern ganz kleinlaut, einer nach dem anderen. Wieder lacht sie.
Vor sieben Jahren hat Jacqueline aufgehört mit dem Job, viele Freier bedauern das. Dennoch ist sie im Viertel geblieben und auch im Milieu. Sie arbeitet im Prostitutions-Informations-Zentrum gleich neben der Oude Kerk, der Alten Kirche, erklärt gerade einem italienischen Touristen den Unterschied zwischen Swinger-Clubs und Bordellen. Ja, es gebe ihn noch, den Club Paradis hinter der Eisenbahnbrücke, wo er vor Jahren schon einmal war. Nein, die Ladyboys seien jetzt woanders.
Transvestiten seien gerade in, sagt sie, als der Italiener gegangen ist. “Erst kamen die Schwarzen, dann die Asiaten, dann Osteuropäerinnen und jetzt die Transvestiten.” Die Realität knallt einem manchmal hart ins Gesicht im Walletjes, härter als anderswo in der Stadt. Im Hotelprospekt war vom “Supermarkt der bezahlten irdischen Liebe” zu lesen, vom “visionären Modell einer urbanen Harmonie”.
Was wohl die Junkies an den Brücken von der urbanen Harmonie halten und was die Frauen hier von der irdischen Liebe? Sie riecht nach Cognac, jene Frau, die plötzlich da ist, sich festklammert und den Ärmel nicht mehr loslässt. “Deutsch? Sprechen Sie Deutsch?”, fragt sie mit schiefem Mund, ihre Zähne sind abgenutzt. “Ich spreche auch Deutsch”, sagt sie dann und geht.
Da steht der alte Schwarze, den alle den Sänger nennen. Er hat immer einen Reggae auf den Lippen, “Baby, I’m yours, baaaaby, I’m yooours”, singt er kehlig, dazu klimpern ein paar Münzen in seiner Plastikflasche. Jeden Tag dreht er seine Runden, leicht gebückt. Am Kirchplatz steht ein athletischer dunkelhäutiger Junge, im durchsichtig-schwarzen Spitzenkleid und hohen Pumps, mit einer roten Rose am Dekolleté. Er winkt. Trompettersteeg heißt die Gasse, die mittelalterlich eng zwischen zwei Häuserreihen verläuft. Zu beiden Seiten sitzen die Frauen, dicht an dicht. Man muss ganz nah vorbei an ihnen, so nah, dass man sie berühren könnte. Einige von ihnen haben engelsgleiche Züge. Ein paar wirken stolz wie die lebensgroßen Porträts der niederländischen Bürgerfrauen im Rijksmuseum. Nur dass die hier sich mehr bewegen und weniger bekleidet sind.
Eine von ihnen ist Marilyn. Natürlich heißt sie nicht wirklich so, alle Frauen hier haben Künstlernamen. Marilyn spricht für Geld. Sie ist blond wie die meisten hier, denn Blonde machen mehr Umsatz. “70″, sagt sie und sieht dabei ein klein wenig aus wie die Monroe. Sie hat eine Menge Ringe im Ohr und eine schmale Taille. Sie redet viel und trinkt Dosenbier, während sie erklärt, was bei ihr wie viel kostet. Ihre Stimme klingt selbstbewusst. Nur manchmal am Ende ihrer Sätze - man hat es schon bei anderen gehört im Viertel - kommt der Eindruck auf, dass der forsche Ton einen kurzen Moment lang bricht. Und dass es bei aller Routine eben doch keine Arbeit ist wie jede andere, hier im Walletjes.
Ob ihn auch andere Männer hören, diesen brüchigen Unterton? Ob die sich auch hinter die Glastür begeben, sich zunächst fühlen wie Alice im Wunderland und dann ziemlich schnell wie Lieschen im Verlies? Ob sie die Kacheln sehen, die den Boden bedecken, die dünne Schaumgummi-Matratze ummauern bis hin zum Waschbecken in der Ecke? Ob sie Zitronenputzmittel riechen, den synthetischen Lavendel und den leichten Duft nach Hallenbad? Marilyn trägt Leder. “Wenn du willst, auch etwas in Weiß”, das hat sie selbst entworfen. “Ich tanze auch”, sagt sie. Erotisch, versteht sich.
Jeden Tag lehnt sie einen Steinwurf von der Kirchmauer entfernt in ihrem Fensterrahmen, legt das linke Bein auf einen Ikea-Barhocker, unter sich weiße Kacheln, hinter sich eine unschuldige Jugend und vor sich gaffende Engländer. “Zehn Italiener kannst du in einer Stunde machen”, erzählt sie, “weil sich immer der Rudelführer ein Mädchen aussucht, und das wollen dann auch alle anderen haben.” Die Deutschen seien am gründlichsten, sagt sie, und Geld bei denen nie ein Problem.
Marilyn lacht. Marilyn liebt Strass. Und zurzeit Eric, einen Hünen von zwei Metern, keine 25 Jahre alt, ein Strahlemann mit einem riesigen Tattoo auf dem Rücken, der ihr Ärger vom Leib hält: “Durch mich kommt keiner durch, und an mir kommt keiner vorbei”, sagt er. Wer es nicht glaubt, sollte einmal erleben, wie er mit bloßem Hände-in-die-Hüften-Stemmen 20 Texaner am Näherkommen hindert, die Marilyn gern mal fotografieren würden. Geht nicht, sagt er dann. Und wenn Eric das sagt, begreift das jeder Texaner.
Ob er manchmal eifersüchtig ist? “Klar, ist doch nur menschlich. Ich muss das einfach lernen. Aber Marilyn und ich reden oft darüber, das hilft.” Nur wenn sie direkt vor ihm angemacht wird, auf einer Party oder im Pub, “dann gehe ich auf den Typen zu und warne ihn. Einmal. Ich warne niemanden zweimal”, sagt er. Eric trägt Marilyn zum Auto, wenn sie nicht mehr laufen kann auf ihren Zehn Zentimeter-Absätzen. Und wenn sich die beiden küssen, dann wirkt das sehr verliebt.
“Keine Kissen!” Christy, die Vorsitzende der Hurengewerkschaft “De roode Draad” - Rubens hätte diese Frau geliebt - schlägt mit der Hand auf das rostige Brückengeländer. Das bebt, weil sie sich so aufregt: “Allerhöchstens Nackenrollen! Das ist Regel Nummer eins! Damit du nicht erstickt werden kannst!” Kissen aber sind neuerdings Vorschrift, auf Beschluss der Herren und Damen in Den Haag, Paragraf 250a, seit dem 1. Oktober 2000 in Kraft. Nur ein Detail aus der neuen Gesetzgebung über Prostitution.
Eine Neuregelung war überfällig, das alte Recht widersprüchlich: Prostitution wird zwar seit 1811 geduldet, Rotlichtbetriebe und Zuhälterei aber waren de jure verboten. Die in der juristischen Grauzone angesiedelten Bordelle zu legalisieren, war erklärtes Ziel der Gesetzgeber.
Die Bordellbetreiber und viele Prostituierte sehen das anders. Die Regierung wolle das Geschäft unter Bewachung stellen und dem ganzen Viertel Stück für Stück den Garaus machen. So sieht es auch Gewerkschaftschefin Christy. “Bordelle brauchen jetzt Lizenzen”, sagt sie, und deren Anzahl sei begrenzt. Außerdem müssten sie immer wieder neu beantragt, aber nicht erteilt werden.
“Als einzige Berufsgruppe im Land müssen wir unsere Ausweise immer bei uns tragen! Und dann Kissen! Da sieht man mal, wie wenig Ahnung die haben.” Sie fährt sich mit beiden Händen durchs lange Haar, einige Männer verlangsamen ihren Schritt. Dabei arbeitet Christy gerade nicht. Erst gestern hat sie einen Hausbesuch gemacht, einen “Schnabbel”, wie sie es nennt. Ganz legal, weil sie Bürgerin eines europäischen Staates ist und in den Niederlanden Steuern zahlt, anders als die schätzungsweise 15.000 Frauen, die landesweit illegal der Prostitution nachgehen. “Ich glaube nicht, dass die aufgehört haben zu arbeiten!”, sagt Christy. “Seit die Bordellbesitzer die Pässe sehen müssen, wenn man für sie anschafft, sind nur die Preise für falsche Papiere gestiegen.” Die Illegalen würden in den Untergrund gedrängt - ein weiteres großes Manko des neuen Gesetzes.
Viele der Fenster im Viertel stehen deshalb leer. Und man sieht jetzt tagsüber oft Männer, die ein Stück rötliches Papier gegen das Tageslicht halten, um Wasserzeichen zu prüfen. Immer, wenn sie ein lautes Pfeifen hören, laufen sie auseinander, genau wie die Dealer. Dann kommt Hugh um die Ecke, der Polizist. Er ist seit 32 Jahren hier, und auf sein Pfeifen achtet jeder, der keinen Ärger will. Dass man mit den Menschen leben muss, sagt er mit seinen gütigen Augen und dem grauen Vollbart, und dass die deutsche Polizei das sicher etwas anders sähe. Auf einmal blickt er starr und streng in eine Gasse hinein, wo ein junger Schwarzer so unbeteiligt wie irgend möglich an einer Backsteinmauer lehnt.
Marika van Doorning ist keine Prostituierte, aber in Sachen käuflicher Liebe macht ihr trotzdem niemand etwas vor. Seit fünf Jahren arbeitet die Soziologin für das Institut zur Erforschung der Prostitution, sie hat am Paragrafen 250 mitgearbeitet: “Vor dem Gesetz ist Prostitution nun ein Job wie jeder andere auch”, sagt sie. Mehr als 80 Jahre lang sei das Business nicht kontrolliert worden, da könne man nicht erwarten, dass sich jetzt sofort alle daran halten.
“Auch Legalisierung braucht Anleitung, die Prostituierten haben schließlich fast hundert Jahre proletarischer Emanzipation verpasst”, sagt Marika van Doorning. “Man muss ihnen die Rolle in der Gesellschaft geben, die ihnen zukommt.” Gering ist die nicht. In den Niederlanden gibt es laut Untersuchungen ihres Instituts 7000 offizielle Arbeitsplätze von Prostituierten, 450 Fenster allein in Amsterdam. Geschätzte 10.000 bis 12.000 Menschen arbeiten landesweit täglich im Gewerbe. Und zählt man die Gelegenheits-Prostituierten mit, sind es etwa 25.000, bei einer Bevölkerung von 16 Millionen. Man dürfe, sagt Marika van Doorning, die “Sexworker” nicht stets als Opfer sehen, der alte Mythos vom gefallenen Mädchen erschwere jede Diskussion. Nicht einmal die Migrantinnen ohne Aufenthaltserlaubnis seien Opfer des Milieus. “Sie fliehen vor der Armut oder aus einem frauenfeindlichen Kulturkreis. Erst die Illegalität zwingt sie ins Gewerbe. Sie ist das Problem Nummer eins, nicht die Prostitution.”
Ob es wirklich stimmt, was so viele der Frauen sagen: Dass sie immer die volle Kontrolle haben, in jeder Situation? Die Soziologin zögert. “Hofft nicht jeder, über sein Leben die volle Kontrolle zu haben?” Morgens um neun, wenn das Rotlicht ausgeschaltet ist, herrscht ein anderer Alltag im Viertel. Herr Smals steht an der Werkbank im Haus Oudezijds Achterburg Wal 133 und biegt ein Blech zurecht, es macht ein Geräusch, als würde jemand Teller in die Spüle fallen lassen. Der Traktor des Schrotthändlers rumpelt samt Anhänger vorbei, nahe am Wasser entlang, dort, wo am Abend zuvor ein Engländer von seinen Freunden in die Gracht gestoßen wurde.
Hinter den Fenstern stehen leere Stühle, vor die roten Leuchtstoffröhren sind weiße Klöppelvorhänge gerafft. Im Haus Nummer 51 wechselt ein Mann auf einer Leiter Sicherungen aus, nur seine Hosenbeine sind zu sehen. Drüben im Altenheim soll noch der Mann wohnen, der den Mädchen früher die roten Glühbirnen gewechselt hat. Im Star Shop an der Ecke sortiert Klaas eine Lieferung schmutziger Videos ein. Und gleich daneben sitzt bereits die Frühschicht. Blond, in schwarzer Spitze. Sie grüßt freundlich. In einem der verlassenen Fenster liegt auf dem Holzstuhl eine zerlesene spanische Zeitschrift. Ihr abgegriffenes Titelbild zeigt eine glückliche, junge Familie. Vater, Mutter und Kind. Der Vater trägt das Kind auf den Schultern und hält die Mutter im Arm.
da steht er, der doyen der deutschen mode, ein mann wirklich reifen alters, und beschämt uns alle, die wir gestern bis sieben uhr getanzt haben (hotel amano, berlin, wo sonst - klar hatte ich meine suite) - weil er zweieinhalb stunden lang seine bilder erklärt und kommentiert. gundlach hat wohl alles erreicht, allein die tatsache, dass er für die brigitte einen dreihundert-seiten-pro-jahr-vertrag hatte, zeigt seine unglaubliche versatilität, eine ganze wand voller titelbilder hängt da, zu schweigen von seiner angewohntheit, beim shooting nur veuve auf eis zu trinken (was man ihm heute gar nicht anmerkt). wilhelmina ist da, eine der schönsten frauen der welt “die einzige chance, sie überhaupt zu bekommen, war die transatlantikreise, ich nahm 25 nerzmäntel mit, und als ich dann durchzählte, waren es plötzlich einer mehr, ich hatte einen einer anderen passagierin mit eingepackt”. ein epochales bild: das von romy schneider, ganz ohne make-up, ganz pur, “da war sie, die kleine Rosemarie Albach, noch kein mythos, es gefiehl ihr so gut, dass sie das foto bei mir immer nachbestellte”. alle hat er gekannt, alle waren vor seiner linse, und ja, er erinnert sich noch an mich, den kleinen assi vom stern, von vor jetzt bald 16 jahren, das macht einen dann schon ein wenig stolz. und, der traum? ein portrait von ihm? nein, die tatsache, dass, als gundlach für die lufthansa fotografierte, für ihn ein arrangement heraussprang, dass es ihm erlaubte, jederzeit first class überallhin umsonst zu fliegen, natürlich zu den schönsten frauen seiner zeit - wenn dass nicht jet set ist, weiss ich auch nicht… u
Es ist wohl vor allem die wohltemperierte Farbigkeit, die subtile Inszenierung, die „Air“, wie die Franzosen sagen würden, die die Fotografien der Simone Bruns zu Erlebnissen machen: Da nimmt sie zwei schwere Engelsflügel aus weissem Schwanenflaum und drapiert sie an den Rücken einer jungen Frau, da nimmt sie sich Märchen zum Vorbild und lichtet weich-samten Kinder ab, alles in Pastell, fast aquarelliert, alles übervoll von Atmosphäre – kein Wunder, dass ihr Förderer und Entdecker, der berühmte F.C. Gundlach, sie begeistert unter seine Fittiche genommen hat: „Die Komposition von Formen, Farben und Licht besticht! Weich fokussiert, mit Gegenlicht fotografiert, romantisch, illustrativ… Die Fotografien sind ästhetisch komponiert und hervorragend geprintet” – und wer Gundlachs kritisches Auge kennt, weiss, was es heisst, von ihm gelobt, ja protegiert zu werden.
Portraitfotografie ist das Metier der Bruns, sie aquarelliert ihre Modelle gleichsam, in bester Tradition des französischen Impressionismus vielleicht, die Tradition der Portraitdarstellung aufnehmend, die Rolle der Fotografie mit ihr vermählend auf das Anmutigste - „Bilder voll flirrender Farben, atmosphärisch aufgeladen und doch präzise“ wie die Künstlerin selbst sagt, und es passt.
Es ist immer das Auge, das den Fotografen ausmacht, und Simone Bruns ist wohl von besonderer Sensibilität, wie ihr letztes Projekt, die beiden Märchenbuchproduktionen „Sommer-„ und „Wintermärchen“ eindrucksvoll belegen. Die Bilder - man ist versucht zu sagen: Kompositionen - bestechen durch starken, tiefen emotionalen Ausdruck und eine dichte Szenerie, die den Betrachter von Beginn an in eine Märchenwelt im Sinne des Wortes mit-nimmt, ja, entführt. Die Raumstaffelung und gekonnte Farbwahl unterstreichen den dreidimensionalen Charakter – die Fotografien erscheinen nahezu räumlich, ein Effekt, wie er Vorbilder in Avedon findet, wie sie Mapplethorpe meisterte, wie sie in der klassischen Malerei – man denke an Velazquez - vorweggenommen wurde und wie sie in den Bildern der Amerikanerin Annie Leibovitz – man erinnere an ihre einfühlsamen Fotos von Hillary Clinton auf der Terrasse des weissen Hauses, im Schatten der dorischen Säulen - vielleicht eine Art der Vollendung fand.
F.C.Gundlach meinte einmal im persönlichen Gespräch, die Herausforderung in seiner Frühzeit sei es gewesen, die räumliche Inszenierung eben in dem Augenblick abzupassen, in der sie entsteht – er musste ja in seiner Jugend die Mode nebst Models „kurz aus den Ateliers auf die Berliner Avenuen reissen, der Zeitdruck war unglaublich…“, auch dies eine Herausforderung, die sich dem Fotokünstler der Gegenwart stellt, und die in der Bilderflut der Moderne sich so manches Mal als kaum zu bewältigen ausnimmt.
Höchstes Lob also wohl, dass der Meisterfotograf Gundlach die Arbeit von Simone Bruns von Beginn an unterstützte – es beweist wohl seinen untadeligen Geschmack. Ein Mann, der in den Siebzigern schon Mode in Gelb und Orange vor den Pyramiden von Gizeh in Szene setzte, nun, der kann wohl nicht irren.
Besonderes Fingerspitzengefühl – wer wüsste es nicht – erfordert der Umgang mit Kindern. Die jungen Modelle müssen sich ja ganz vertrauensvoll in Bruns´ Hände geben – ein Umstand, der jedoch gleichermaßen für ihre Erwachsenenportraits gilt, oder wie die Künstlerin selbst ausführt: „ Hochwertige Porträt-Fotografie ist heute das, was früher Hofmalerei war“ - an Velazquez wurde an andere Stelle schon erinnert.
Es ist demnach nur sinnig, dass Simone Bruns die Agentur „Meisterfotografen“ gründete, oder wie sie selbst sagt: „Ich biete erstmalig Privatpersonen an, sich wie Models fotografieren zu lassen. Normalerweise arbeite ich nur mit Superstars und Prominenten wie wie Angelina Jolie, Maria Furtwängler, Till Schweiger oder Angela Merkel. Meine Stylisten und Visagisten stylen für ähnlich hochkarätige Kunden, können also genau das genießen, was sonst nur Prominenten zuteil wird. Sie werden genauso aufwendig geschminkt, gestylt und in Szene gesetzt.“ Einmal Model sein, einmal träumen und schön sein wie der Tag - wer wollte das nicht? „Ich will meinen Kunden in einem Moment einfangen, der ihn oder sie von der schönsten Seite zeigt. Ich glaube, jeder kennt das von sich: Diesen Wunsch, einmal so richtig perfekt auszusehen. Das können wir für unsere Kunden verwirklichen. Gleichzeitig schaffen wir eine bleibende Erinnerung für unseren Kunden mit besonderem Wert. Es ist weit mehr als ein Foto, das der Kunde erhält. Die Bilder sind Kunst.“
Es ist also der Aufwand, den die Bruns für ihre Inszenierungen betreibt – Bilder, tief im Wald, Tiere, Accessoires – nun, er ist mustergültig und stilbildend – man darf erwarten, dass ihre Bilder an Wert gewinnen, erweckt die Kunstschaffende doch jetzt schon das Interesse von Sammlern und Auftraggebern, die das Besondere wollen.
Und es sind wohl die Emotionen, die die Künstlerin auch auf lange Sicht zu erwecken imstande – eine in unserer im schnellebigeren Zeit , der des Turbokapitalismus (denn er ist die harte Realität, wir wissen es alle), ähnlich guter Literatur, klassischer Musik und eben visueller Kunst ebenfalls immer mehr an Wert gewinnt: Da wird Kunst, da wird moderne Fotografie mit feinen Pinselstrichen Ereignis - und ist dies nicht ihre edelste, schönste Aufgabe?
(Harald Nicolas Stazol, Januar 2010)
Über Simone Bruns
Simone Bruns, gelernte Fotografin, ist seit 1990 in den Bereichen Kunst und Fotografie zu Hause. Bruns war in verschiedenen Positionen in Industrie und Wirtschaft tätig und arbeitete unter anderem bei Agfa Foto und dem renommierten Dienstleister für professionelle fotografische Produktion PPS. Seit 2005 berät und betreut Bruns die Hamburger Deichtorhallen, konzipiert und begleitet Kooperationen und organisiert exklusive Sponsoren-Events. Unter anderem organisierte sie verschiedene Kunst-Events mit den Künstlern Georg Baselitz, Fischli & Weiss und Erwin Wurm. Bruns hat ein sicheres Gespür dafür, künstlerische und kommerzielle Bedürfnisse sensibel miteinander zu vereinen. 2008 gründete Simone Bruns die Foto-Agentur MEISTERFOTOGRAFEN, die aufwendig inszenierte Porträts anbietet. Internationale Stylisten und Starfotografen setzen dabei Privatpersonen in professionellen Shootings in Szene. Der Kunde erhält sein ganz persönliches Star-Porträt.
Entschuldigen Sie bitte, wie spät ist es? Ja, meine Damen, wie oft am Tag schauen Sie eigentlich auf ihr Handgelenk, auf dem Weg zur Arbeit, nach Büroschluß, im Theater? „Hat der Supermarkt noch offen?”, oder „sind die Kinder schon aus der Schule?” Und, was sehen Sie? Sie sehen nichts. Oder das Falsche. Jedenfalls nicht ganz richtig. Eine Timex wahrscheinlich. Ne Swatch. Plastik. Aluminium. Irgendetwas Digitales, schwer zu programmieren. Mit Glück noch die Konfirmationsuhr. Oder eine, schon viel besser, goldene von Omi. Selten getragen. Passt aber seltsamerweise zu allem. Zum schwarzen von Prada. Zum Sporteln am Club an der Alster (Nicht unbedingt zum Rudern, klar). Zu T-Shirt und Jeans. Wie kommt das? Und was steht da eigentlich, ganz klein, am unteren Rand des Zifferblattes? „Swiss made”, vielleicht? Und, noch kleiner „Génève”? Sie Glückliche!
Denn die passende Uhr zum passenden Kleid ist ein Problem, jahrzehntealt. Jahrhunderte. Und weil man sich noch vor zwanzig Jahren nicht jedes Jahr ne neue Uhr kaufte, zum Wegwerfen quasi, oder zum in die Schublade schmeißen nach ein paar Monaten, haben findige Uhrmacher die Schmuckuhr entwickelt. Echt teuer. Wirklich. Aber passend halt. Und das ein Leben lang. Kleine, goldene Wecker. Auf die die Töchter alsbald spechten. Wertanlagen, mithin, tickende. Also: Bausparer auflösen, hin zum Juwelier, Nase ans Schaufenster pressen. Bevor es zu spät ist. Zeit ist Geld. Und für Frauen ist Zeit meist Gold. Pures Gold.
Denn ein Stäubchen davon, ein Atom, hat in Genf, wenn es von der Schweizer Nationalbank angeliefert wird, in Barrenform, 999,9‰ Feingold, im Kilo, mehrere Möglichkeiten: Es wird eingeschmolzen werden, da geben sie sich nichts, die Juweliere und Uhrmacher am und um den Lac Léman. Zu Pretiosen verarbeitet, auch darin ist der Unterschied nicht groß. Denn wenn sie eins verstehen, die Schweizer, dann ist es die Kunst, Gold zu Geld zu machen. Zu mehr Geld. Zu sehr viel mehr Geld, als der Goldmarktpreis es hergibt. Auch, wie es bei Chopard heißt, „wenn der Preis volatil ist”. Und dann legt man die Stirn ein wenig in Falten, ganz, wie es der Vizegeneraldirektor bei Piaget, nicht weit von hier, schon gestern tat. Und tut so, wir wollen es sagen, als sei bereits alles zu spät. Als denke man nach. Über den Goldpreis.
In Wirklichkeit, das ist nun eins der ehernen, nein, goldenen Gesetze hier in Genf, ist dieser Preis ganz egal. Denn was man daraus macht, aus dem Gold, darauf kommt es doch an. Und so wollen sie natürlich alle genannt sein, ganz genant: Die Manufakturen, die Juweliere und Herren über das Feine, zur Freude der teuren Damen.
Aber der Reihe nach, gehen wir nach dem Alphabet. Au, Aurum, Gold. Stippvisite bei Audemars Piquet, Cartier, Chopard. Bei Piaget. Und schließlich bei Vacheron & Constatin.
Deswegen, und weil jene Uhren zum Besten gehören, auch zum Besetztesten, was an weiblichen Handgelenken sich einfinden darf, zum Cocktail, zum Empfang, in der Oper, und ja! Jeden Tag! — deswegen also nun ein Blick in das hochgelegene und winters tiefverschneite Vallée de Joux, von dem ein Reisender 1770 berichtet: „Hier ersetzt die Industrie alles, was der Boden verweigert. Fast alle Bewohner sind mit dem Herstellen von Uhrenteilen beschäftigt… allgemein weisen sie eine große Geschicklichkeit auf.” Auf in ein 30 Kilometer langes und sechs Kilometer breites Tal, umgeben vom größten zusammenhängenden Waldgebiet Europas, hinter dem 1450 Meter hohem Col de Marchairuz, zu Audemars Piguet. „Sehen Sie, wenn es zwei Steine gibt” — sagt Monsieur Wehrli gerade, und schon verklärt sich sein Blick, denn wenn er von Steinen spricht, meint er natürlich Diamanten. Rubine auch. Manchmal Saphire, aber greifen wir nicht vor. Zwei Steine also, die „ein Händler uns anbietet. Die wissen ja, wonach wir suchen. Dann bauen wir die Uhr darumherum.” Das klingt jetzt einfacher, als es ist. Und deswegen ist so eine Uhr, „für eine Dame, die gerne Juwelen trägt” – und welche täte das nicht, Monsieur, liegt nun in seinem Blick, jenes mitleidige Auflächeln, womit man auch bei Cartier schon über Juwelen und den Preis des Goldes sprach, vielmehr: Schwieg. Also: „Nehmen wir doch einmal zwei tropfenförmige gelbe Diamanten, von etwa zwanzig Karat und dann ein winziges kleines Uhrwerk”, über hundertfünfzig Jahre Expertise und einige hochqualifizierte Uhrmacher und Juweliere: Dann, „sehen Sie selbst” hat man nach etwa drei Monaten, unendlichen Vorgängen des Polierens (hierauf ist man etwa bei Piaget besonders stolz, „die Kanten, sehen Sie nur, die scharfen Kanten!”), des Fassens, des Schleifens, der winzigen Handbewegungen und des Uhrfedern-Zusammenbauens, „dünner, als menschliches Haar” — eine Uhr.
Für Damen. Nicht irgendeine Uhr. Nein. Einen Show-Stopper. Eine „Moment-mal-ich-brauch-jetzt-einen-Fahrer-Schatz”-Uhr, mit dem jedes Taxi von hier bis zur Champs-Elysées, jeder Hindu am Steuer eines Yellow Cab jenseits und diesseits der Fifth Avenue, jeder schlechtgelaunte Weißrusse im schmutzigweißen Mercedes in Berlin anhält. Und lächelt. Und so vielleicht den Ohnmachtsanfall des daheimbleibenden Ehegatten vergessen läßt, der ja irgendwann die Rechnung erhält.
Dafür hat Madame aber auch – sehr zum Unterschied von ihrem Gatten – wahrscheinlich eine sehr gute Investition getätigt. Krisensicher. Die Zeiten überdauernd. Falls mal eine Revolution kommt. Eine Rezession. Oder die Steuerfahndung etwas ungemütlich wird. Sehr diskret, transportabel und im Unterschied zu Junk Bonds mit eingebauter Zeitangabe. Wie sagte noch Matthijs van Straaten bei Piaget? „Unsere Kunden werfen ihre Uhren selten weg.” Und dann wieder dieser schmerzlich-süße Gesichtsausdruck, der in Genf so häufig zu sehen ist. Gern erinnert man sich bei Chopard daran, dass die überaus erfolgreiche Damen-Uhr „Happy Diamonds” – eine Art Geduldsspiel für Ladies mit zuviel Zeit — die Goldene Rose 1977 als Herrenmodell gewann. Die Werbung von damals sieht denn auch ein wenig aus wie James Bond im Glück, was ja recht passend ist. Und in einer von Großkonzernen beherrschten Welt tut das Familienunternehmen der Scheufeles auch gut daran, sich noch immer ein wenig zu verhalten wie im Auftrag des Geheimdienstes ihrer Majestät. Es scheint fast, als wolle jeder Juwelier eigentlich Uhrmacher sein, und jeder Uhrmacher wünschte sich nichts sehnlicher als Juwelier sein zu können — und deswegen gibt es Uhren, hochkarätig wie Juwelen. Der Chefdesigner von Chopard, Patrick Beyerler, etwa hat gerade ein Kollier vor sich, über das zu sprechen auf den Tod verboten ist: „Golden Diamonds” heißt die neue Linie, weil einige Diamanten aus Gold sind, „fast so schwierig herzustellen, wie eine Uhr, nein, schwieriger.” Ah bon.
Ob Madame weiß, dass man bei Audemars Piguet im Dörfchen Bressus sogar den Uhrenboden noch immer mit jenem ringförmigen Mini-Schliff versieht aus der Zeit, als der Staub noch der Feind jeden Werkes war? Eine Maßnahme, die „nun, da wir absolut dichte Gehäuse herzustellen imstande”, eine reine Luxusmaßnahme ist. Ein Plaisir, eine Grille der Uhrmacher? Sie weiß es nun. Allerspätestens.
Die Fassung! Bei Piaget! Unfassbar! Ein Geflecht aus Platin, in der „Haute Joaillerie” angewandt, jener Abteilung, die Diamanten auf die vorhandenen Gehäuse verbringt, in einem aufwendigen und zeitraubenden Prozess, der in großem Stil und in noch größerer Stille in den Werkhallen vonstatten geht. Sauber ist es hier, sehr sauber, „wir wollen ja nicht, dass vom Gold etwas verloren geht, früher haben wir einfach nach einer gewissen Zeit die Schuhe der Werkmeister verbrannt, um auch den Staub einzufangen”. Bei Chopard behilft man sich hingegen mit riesigen Gebläsen, die den Goldstaub sofort einsaugen, noch von der Werkbank weg, um wieder recycelt zu werden, der Traum jeden Umweltministers.
Damit die Steine nicht herausfallen, denn dies ist wertmindernd und also zu vermeiden, werden computergesteuert kleine Vertiefungen in die Rohlinge gefräst. „Bei Piaget so, dass es unbedingt ästhetisch aussieht” — „Bei Audemars Piguet sehen Sie zum Schluß die Fassungen überhaupt nicht mehr, das haben wir hier entwickelt” – bei Cartier Tradition, einem etwas schwer zu findenden Büro in der Rue du Rhône 46, ist gerade einer der dreieckigen Diamanten aus einem der dort vorhandenen antiken Stücke herausgefallen: „Die Ohrringe waren gerade in Japan, in einer Ausstellung” sagt Bernhard Beyer, „wir werden anrufen lassen” — die Schmuckuhr aus dem Jahr 1923 ist allerdings völlig intakt, „wir restaurieren alles detailgetreu, wenn wir die Entwürfe in unserem Hause noch vorfinden, für unsere Kunden. Und so erhalten wir auch das Know How in der Firma. Ich finde, wir sollten doch in der Lage sein, uns um unsere eigenen Stücke zu kümmern, finden Sie nicht?” Bei Chopard ist der Blick durch eine der freundlich überlassenen Arbeitslupen Grund für frühe Erblindung, so dicht hat man die Juwelen in die Fassungen eingesetzt, und man versichert, dass ein Malheur wie das bei Cartiers altem Schmuck hier nicht passieren kann – wie wahrscheinlich auch nicht beim neueren des weltumspannenden Hauses, „aber sehen Sie, seit 1923 kann viel passiert sein an Strapazen und Belastungen”. Die recht lädierten Smaragde eines Armbandes hat Cartier soeben nachschleifen lassen, sie sind jetzt wieder wie am ersten Tag, was für das Qualitätsbewußtsein jener englischen Adelsfamilie spricht, die die Pretiosen in London soeben veräußert hat. 3 Millionen Dollar, versteht sich, und „denken Sie sich, neulich haben wir einen Rubin gefaßt, für einen Herrn, für diesen Preis, und seine Frau sagte `Ich trage immer nur höchstens eine Million am Leib´” — köstlich, ganz reizend, unbezahlbar!
Wie Vacheron & Constatin. Eine Adressen, an die Edelmetalle geliefert werden, um zu den genauesten Uhrwerken verarbeitet zu werden, die Geld kaufen können. Gerade sitzt eine Araberin mit amerikanischem Akzent vor der sehr verbindlich dreinblickenden Verkäuferin und läßt sich erklären, dass die soeben für kaum 20000 Franken erworbene Uhr durchaus biegsam ist. Sie war ein wenig in Sorge, als das Lederetui in die Tragetasche hineingebogen wurde, und man beeilt sich zu versichern, dass das „überhaupt nichts macht, Madame”.
Nun, einmal abgesehen von dem Äußeren einer Uhr, meine Damen, gibt es ja auch ihr Inneres. Und das, Mesdames, ist abgesehen von bunten Steinchen und edlen Metallen das, worauf man hier in Genf besonders stolz ist: Das Werk. So hat Vacheron & Constantin ein Caliber, so nennt man das Herz einer Uhr, das so stark und flexibel, „so klein und variabel ist”, dass man ohne Probleme eine Komplikation darauf installieren kann. Also einen ewigen Kalender, eine Mondphase, eine Stoppuhr, eine zweite Weltzeit, oder was das Herz mehr begehrt, Es gibt Zifferblätter in dreißig Schichten gebrannten Emails (nicht zu verwechseln mit den elektronischen Nachrichten gleichen Namens), schön wie barocke Pastellskizzen — auch auf größeren Herrenuhren, „aber es ist ja jetzt Mode für junge Damen, große Uhren zu tragen”. Das wichtigste solch eines Werks ist die Frequenz der Unruh, und wenn sie in der Stunde 28800 mal schwingt (in der Sekunde genau 480 Mal), dann kann man die 86400 Sekunden eines Tages ganz besonders genau messen: „Es ist reine Mathematik”, erklärt Monsieur Rudolf Büll, ein weltreisender Uhrmacher des Hauses, der nun das Verkaufspersonal des Hauses ausbildet und jedesmal noch von einem Werk fasziniert ist wie ein kleiner Junge beim Ballspiel. Klar: 3 mal 28800 gleich 86400, also: „die Uhr ist auf eine Abweichung von 1/86400 regulierbar. Es ist die genaueste Maschine, die der Mensch entwickelt hat”. Und damit seine Uhrmacher so weitermachen können, ist der Boden des Ateliers aus ganz dickem, erschütterungsfreien Beton — das Gebäude der neuen Manufaktur ist allerdings schon in Planung.
Dass die Fähigkeit, solche Werke zu erdenken, zu entwerfen und in die Tat umzusetzen, sich seltsamerweise im Vallée de Joux entwickelt hat, ja, dass „die Genetik jener Menschen sich aufs Uhrwerkbauen spezialisert zu haben scheint”, wie es bei Vacheron & Constantin heißt, ist wohl ein kleines Wunder. „Man kann diese Menschen nicht in der Stadt halten, sie werden dort verrückt” erklärt Monsieur. Er selbst habe einmal versucht, einen ledigen jungen Uhrmacher in Zweizimmerwohnung und einem kleinen Atelier zu installieren, „in Genf, zur Reparatur der Komplikationen.” Der Mann blieb keinen Monat, dann mußte er wieder nach oben. Die Bilder gleichen sich: Audemars Piguet in Bressus ist noch ein Beispiel für solche Verrücktheit, hier haben die Häuser mancher Familien besonders viele Fenster, weil „jeder Uhrmacher ein eigenes benötigt”, um die Augen in Fernsicht entspannen zu können von der Winzigkeit seines Tuns. Die Grandes Complications beispielsweise, die zu entwickeln einige Jahre, zu bauen Monate, zu bezahlen ein Leben lang dauern kann, werden hier gefertigt. Und nur dann jenseits eines hohen Passes in Genf in ihre Gehäuse montiert, dann, wenn sie das begehrte Gütesiegel der Stadt erhalten sollen. Ein anderes Zertifikat ist das der „Contrôle officiel Suisse des Chronomêtres” – heißbegehrt und nach 21 Tagen Testzeit soeben von einem neuen Tourbillon von Chopard errungen, eine Nachricht, die Uhrenliebhaber schon jetzt ein wenig schneller ticken lassen dürfte. Es versteht sich von selbst, dass jener 1795 von Abraham Louis Breguet erfundene und 1801 patentierte Mechanismus zur Erhöhung der Ganggenauigkeit von außen sichtbar sein wird, ein in freischwingendem Käfig gelagerte Unruh mit Unruhfeder, der sich meist einmal in der Minute um sich selbst dreht und den Einfluß der Gravitation auf das Uhrwerk ausgleicht — zu stolz sind Hersteller und Besitzer meist auf ihren Schatz. Da können so ein paar Juwelen am Gehäuse für die Augen der weiblichen Schätzchen auch nicht schaden. Die glänzen dann wahrscheinlich. Schimmern. Fast, wie Gold.
HARALD STAZOL
WAS IHR WOLLT
Theaterstück, den Mut in der Mode betreffend.
Als Hauptdarsteller fungieren:
Harald N. Stazol, schwererziehbar, selten erreichbar, seit zehn Jahren deutscher Modeschreiber für Financial Times, Stern, Merian. Klassisch im Stil, gnadenlos in der Recherche, untadelig im Auftreten.
Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, dem Flagschiff der internationalen Modemagazine. Gebürtige Britin. Verheiratet, zwei Kinder. Lächelt selten, ihr Unmut ist der Alptraum aller Designer.
André Leon Talley, schwarz, riesig, Vogue-Kolumnist. Immer mit Einkaufstüte, Schal und Stretch-Limo unterwegs. Wenn er lacht, brechen unter ihm schon mal die fragilen Pariser Goldstühlchen bei Gaultier zusammen.
Grace Coddington, rothaarig. Wichtigste Stylistin der Nordhalbkugel. Kein Foto von Rang, kein Model von Bedeutung, kein Star in Hollywood ohne ihren Segen. Auge, Stil und Geschmack der Lady sind legendär.
Suzy Menkes, Fashion-Kritikerin der International Herald Tribune mit schriller Stimme. Hat drei Söhne. Soll von Gianni Versace einmal Hausverbot bekommen haben, weil sie seine Show nicht mochte. Wahrscheinlich eine der klügtsen Frauen im Business.
Hilton-Sisters, amerikanische Promi-Girls mit echtem Luder-Faktor. Millionenerbinnen. Die Sprößlinge der gleichnamigen Hotelier-Dynastie tragen gern hip, hipper, am hippesten. Haben in der Branche längst als passable Kleiderständer reüssiert.
Miguel Adrover, Argentinier, dreimal bankrott, immer wieder gerettet, immer provokant. Langer Zopf, brennende Augen, politische Mode. Wirft gerne mit Scheren, schlägt Fotografen, hat Visionen und setzt sie um.
Patrick Demarchelier, Modefotograf. Macht Frauen immer schöner als sie sind und Fotos immer gleichzeitig mit drei Kameras. Spricht französisch (Heimat) und Englisch (Wahlheimat) fließend und (auch) gleichzeitig. Isst gern gut und viel, genau so, wie er redet.
Jeremy Scott, langhaariges, junges Enfant Terrible aus Kansas City. Gilt als unverstandener Modeprophet und ist mit Karl Lagerfeld befreundet. Liess seine Eltern oft nach Paris, nun nach New York einfliegen, weil sein Vater das beste Barbecue der Welt macht.
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New York, Modeherbst, die Schauen laufen an. Es ist Dienstag nachmittag, 3.O7 p.m. Eastern Standard Time, Bryant Park, gleich hinter der Public Library. 32 Grad Celsius, die Sonne weißlich-glühend. Leichter Wind aus Nord-Ost. Auftritt unseres Reporters.
Harald Nicolas Stazol: „Mrs. Wintour, einen Moment bitte, könnten Sie einmal, nur für uns, die Brille abnehmen?”
Wintour, leicht konsterniert, nimmt die Brille ab und läßt sich von irgendeinem ihrer fünf Assistenten ein Handy reichen. Beginnt hektisch zu wählen. Über die erste Reihe hinweg verbreitet sich lauffeuerartig das Gerücht, die Wintour habe ihre Brille abgenommen. In Windeseile entfernen die anwesenden Damen ihre Sonnengläser aus dem Gesicht. Am Times Square sollen Minuten später Japanerinnen dabei beobachtet worden sein, wie sie ihre Brillen wegwerfen.
HNS: „Mrs. Wintour, Sie als die mächtigste Frau der Modewelt tragen immer nur Chanel. Finden Sie das als Chefredakteurin der Vogue nicht ein wenig zu ausschließlich? Oder etwa mutig?”
Wintour murmelt zu ihrem Assistenten: „Wer ist dieser Mann? Tut den weg!”
HNS: „Stimmt es wirklich, dass Sie immer allein im Aufzug fahren, ja dass im Condé Nast Building niemand den Lift auch nur betreten darf, wenn Sie sich darin befinden? Dass auch niemand essen darf, sobald Sie das Haus betreten?”
Wintour: „Alles das…”
HNS: „Sie stehen jeden Morgen um 5.45 auf, spielen Tennis, bekommen Ihr Make-Up aufgelegt, dann werden Ihnen die Haare gemacht und Sie werden zur Vogue gefahren. Obwohl Sie beinahe die meisten Parties in New York schmeißen, bleiben Sie nie länger als die ersten zehn Minuten und sind um zehn im Bett.”
Wintour: „Ganz recht…”
HNS: „Was halten Sie denn vom Mut in der Mode? Wieso sehen Sie aus, wie Sie aussehen?”
Wintour: „Wenn ich über meine Herbst-Garderobe nachdenke – und ich fürchte so etwas braucht Planung! – frage ich einfach André. Er ist mein absoluter Vertrauter! Ich werde ja so oft fotografiert und analysiert. Die Hochzeit meines Bruders zum Beispiel Ende Herbst, da werde ich mich wohl einem Samt-Anzug von Yves Saint Laurent Rive Gauche anvertrauen. The new old thing! Sexy in the city!”
HNS: Danke, Mrs. Wintour. Aber fragen wir auch noch André, er sitzt ja ohnehin neben Ihnen.
André Leon Talley: „Hi! Hast Du meine Nachricht bekommen?”
HNS: „Äh, ja, ich glaube. Wir wollen wissen, was für Sie der Mut in der Mode bedeutet, immerhin sind Sie fast zwei Meter groß und lassen sich…”
ALT: „…Ja, diesen Mantel habe ich mir von Domenico Dolce machen lassen, mit dem Pelzkragen, ich brauche immer Maßgeschneidertes bei meiner Figur.”
HNS: „Ein Trend, nicht wahr? Wer von uns hat denn schließlich Konfektionsgröße. Kein Mensch, oder?”
ALT: „Du siehst ganz schön schlank aus, Deine Taille, passt Dir denn irgend etwas?”
HNS: „Früher viel Gucci, aber das kann ja keiner mehr sehen.”
ALT (lacht): „Ich habe nur noch Schals…”
HNS: „Und jetzt eine typisch deutsche Frage: Warum sehen Sie so aus, wie Sie aussehen?“
ALT: „Nun, ich muß weiter, war nett!”
HNS: „Ein Trendtipp? Für die deutschen Leserinnen? Ganz schnell?”
ALT: „Dare, dare, dare – wagen Sie´s! Die Dreißiger kommen wieder, die Frauen wollen einen großen Auftritt in ihrer Garderobe. Aber frag‘ doch Grace!”
Grace Coddington, DIE Stylistin des Jahrhunderts, sitzt bei Bergdorf & Goodman im fünften Stock und schreibt Widmungen in ihr gerade erschienenes Buch.
HNS: „Grace! You are adorable!”
Grace: „Ich weiß. Ein Buch gefällig? Meine besten Arbeiten? Ist gerade in Deutschland erschienen!”
Sie schreibt weiter, während die Kellner umher stürmen und Wodka Orange und Sushi servieren.
HNS: „Sie sind die Kaiserin des Stylings, die mächtigste Frau der Optik…”
Grace: „Haben Sie die Schaufensterpuppen gesehen, alle mit meiner Frisur, alle mit roten Haaren?”
HNS: „Warum sehen Sie aus, wie Sie aussehen?”
Grace: „Was ist denn das für eine Frage?”
HNS: „Für ein deutsches Magazin.”
Grace: „Naja, also meine Haare…”
HNS: „Zum Beispiel. Und Sie tragen immer schwarz?“
Grace: „Das ist nicht schwarz, das ist Yamamoto. Yohji Yamamoto.”
HNS: „Sie können ja alles tragen, Grace.“ Und haben ja wirklich mit allen gearbeitet: David Bailey, Cecil Beaton, Guy Bourdin, Patrick Demarchelier, Peter Lindbergh, Steven Meisel, Sarah Moon, Sheila Metzner, Herb Ritts, Helmut Newton, Irving Penn, Paolo Roversi, Juergen Teller, Mario Testino, Ellen von Unwerth, Bruce Weber…”
Grace: „Und einige andere. Wie heißen Sie noch gleich?”
HNS: „Harald, Grace, wir kennen uns seit Jahren. Das heißt, ich kenne Sie, ach was, alle Welt kennt Sie!”
Grace: „Also, ,Für Harald?`”
HNS: „Zu gütig! Ach ja, der Mut in der Mode?”
Grace: „Mode ist Mut ist Mode.”
HNS: „Sie sind die Größte, Grace.”
Grace (lächelt): „Mit wem sprechen Sie noch? Mit Suzy?”
HNS: „Ja, auch eine mutige Frau in der Mode.”
Grace: „Gehen Sie zu Ralph? Und Adrover? Wir sehen uns, see you later.”
Ankunft bei Ralph Lauren. Normalerweise Prügelszenen auf der Straße, Madison Avenue 650, diesmal hat er ein Zelt hinter dem Cooper-Hewitt National Design Museum aufbauen lassen. Drinnen, im holzgetäfelten Entrée, werden Cocktails gereicht. Vorn, in der ersten Reihe, sitzt Suzy Menkes, die Modejournalistin der International Herald Tribune. Weithin zu sehen an ihrem Pouf, einer monströsen, aufgesteckten Locke.
HNS: „Mrs Menkes? Mut in der Mode? Mut zur Mode?”
Menkes: „Frauen-Designer respektieren endlich, dass ihre Schwestern ein Leben haben. Frauen, die sich selbst mit der Realität konfrontieren, statt ihr zu entfliehen.”
Die Show beginnt. Nach zehn Minuten ist alles vorbei.
HNS: „Ihr Urteil, Mrs. Menkes?”
Menkes: „Lauren zeigt, dass er ein Meister ist. Edwardianismus, finden Sie nicht? Brokat, Seide, Pink, Blau.”
Die New York Times wird am nächsten Tag mutig vom Ausbruch des Viktorianismus sprechen. Uptown, im Studio 54, ein paar Blocks weiter, kommen die Hilton Sisters des Wegs.
HNS: „Paris! Paris Hilton! Sie sehen ja phantastisch aus! Sie sind ein Vorbild für die wilden Teenies Europas! Und dieses Goldkreuz! Ist das ein T-shirt?”
Paris: „Ein Tank-Top, von Lloyd Klein. Ich modele gleich in seiner Show!”
HNS: „Wir können es kaum erwarten! Hier, meine Nummer, rufen Sie mich danach an. Wieviel Mut braucht die Mode, Paris?”
Paris: „Ich ruf Dich an. Mut? Ich mache, was ich will. Das vor allem.
Miguel Adrover, dreimal bankrott, jetzt unterstützt von einem großen deutschen Automobilhersteller, hat für mich einen Moment backstage:
HNS: „Miguel, Sie sind eines der New Yorker Enfants terribles. Sie gelten als Pulsgeber in Manhattan. Was ist für Sie Mode?
Miguel Adrover: „Es ist doch völliger Quatsch, wenn wir hier alle so tun, als gebe es nichts wichtigeres als Mode, als wäre uns nichts interessanter als die Saumlängen von Röcken — das ist doch nur ein Spaß der westlichen Welt. Mode ist etwas anderes für mich.”
HNS: Und was bedeutet für Sie Mode-Mut?“
MA: „Der Kundin zu vertrauen, das ist Mut. Die Kundin weiß schon, was ihr steht, ihrer Persönlichkeit, ihrem Körper. Die weiß es ganz genau, das ist Mut.“
HNS: „Sagen Sie, Miguel, Sie haben gerade einen Fotografen geschlagen und ihn aus dem Backstage-Bereich geworfen. Warum?”
MA: „Er hat gestört. Sie entschuldigen – ich muß mich jetzt um meine Show kümmern.”
HNS: „Natürlich. Sie heißt ”Citizen of the World” ?”
MA: “It’s about real life, the real world - about what is happening out there.”
HNS: „Natürlich! Mrs Menkes, was halten Sie davon?”
SM: „This collection was beautifully presented and wide ranging, as well as intellectually stimulating.“
HNS: „Aaaah so.“
Patrick Demarchelier taucht auf, der größte lebende Fotograf in New York.
HNS: „Du hier und nicht auf St. Barth?
PD: „So schöne Frauen hier, was soll ich da auf St. Barth?”
HNS: „Du hast immer noch langes Haar wie ein Fischer, so schön, und dein gegerbtes Gesicht passt immer. Deine Segeltuchschuhe, natürlich, sie sind am bequemsten…”
PD: „Du weißt doch, immer nur das bequemste. In allen Situationen. Denn mal stürmen russische Models dein Büro, mal mußt Du Deine Assistentin anschreien, mal kommt Sarajane Hoare nicht zu potte, mal Isabella Blow dazwischen.
HNS: „Ist sie denn hier, ich habe sie noch gar nicht gesehen in New York.”
PD: „Backstage bestimmt. Kann auch sein, dass sie London gar nicht verlassen hat. Die solltest Du mal zum Mut in der Mode fragen!”
HNS: „Aber jetzt habe ich ja erstmal dich hier.”
PD: „Also für mich ist das ganze sehr einfach: Alles, was auf dem Foto besser aussieht, sieht auch im wirklichen Leben besser aus, aber nicht alles, was fotografiert wird, kann man auch anziehen. Ich erwarte ja auch nicht von den Damen bei Renoir, dass ich sie so auf der Straße antreffe.”
HNS: „Oder nackt auf einem Baum, so wie Kate damals…”
PD: „Du meinst Claudia…”
HNS: „Nein, ich glaube es war Tatiana…”
PD: „Ist ja auch egal. Wie geht´s Isabella denn?”
HNS: „Tja, seitdem die Männer keine Angst mehr vor ihr haben…”
PD: „Du meinst, Karl hat ihr verziehen, dass sie ihm mit ihrer öligen Halskette den Teppich volltropfte?”
HNS: „Isabella hat es ja nicht böse gemeint. Als ich sie einmal fragte, warum sie aussieht, wie sie aussieht, war sie wie ein erwachendes Kind – sie wußte gar nicht, wovon ich rede. Isabella, sagte ich, darf ich fotografieren? Und sie sagte: Warum denn? Der Hut ist von Philip Treacy, das ist alles.”
PD: „Sie ist eine kluge Frau.”
HNS: „Wie fast alle im Mode business.”
PD: „They have to be.”
Jeremy Scott zeigt „Al Quaeda goes 1001 Nacht”.Seine Frauen haben leichte, bunte Schleier über fiktiv-dünnen Haremskörpern. Ob dies nicht reiche als Statement zum Mut in der Mode, läßt er von Backstage-Bereich aus fragen. Er habe zu viel zu tun. Zudem lässt er ausrichten, dass zuviele Menschen auf dem Planeten zu schlecht angezogen seien, die meisten aus Feigheit,etwas aus sich zu machen.
Wenn man den 38jährigen Generaldirektor einer amerikanischen Elektronikfirma in bester Laune antreffen will, und gleich daneben einer der bedeutendsten Privatbankiers des Landes, schlemmend, ganz privat, ganz entspannt, dann ist man im China Club Berlin: Eine der neuerdings besten, exclusivsten und — man muss es sagen — schönsten Adressen der Hauptstadt. Es mag daran liegen, dass in der holzgetäfelten Bibliothek Dantes Göttliche Komödie gleich zweimal zum Präsenzbestand gehört, oder daran, dass der Kanzler selbst beim Besuch sofort ausrief, „Ich will kein Mitglied werden” — wobei er natürlich wollte, aber die 10000 Euro Aufnahmegebühr beim Wähler wohl nicht so gut ankämen. Dabei eignen sich die Separées Concubine I und II, ganz in Seide, ganz diskret, ganz hervorragend für Koalitionsverhandlungen und Rücktrittsdrohungen, während man die aussergewöhnlichen Creationen von Chef Tam genießt, dem in Gourmetkreisen zu Recht angebeten chinesischen Mâitre de Cuisine. Der hat erstmal Salzwassertanks angeschafft, um den Fisch auch wirklich frisch zu servieren, ganz geschockt war er vom deutschen Lebensmittelgesetz, als er im Großmarkt einkaufen wollte und ihm der Fisch vor der Nase geschlachtet wurde. Die Peking Ente läßt er aus London liefern, „wegen der Qualität”, und die kalte Mango-Suppe zum Dessert läßt schon mal den Wunsch wachwerden, auch zu den gesellschaftlichen High Rollern zu gehören, die sich hier zum Mitgliedsstamm zählen dürfen. Natürlich werden auch Gäste der Members bewirtet, beköstigt, „wined and dined” — ganz zu schweigen vom Kunstgenuß, der dann den wenigen Auserwählten noch ganz nebenbei von den Wänden herabperlt. Wo sonst sieht man noch Wandpaneele in chinesischer Schnitztechnik aus dem 18. Jahrhundert, die Wanderungen der sieben Gelehrten darstellend, goldlackiert? Oder zeitgenössische Kunst Chinas, kulturrevolutionsbefreit, die Privatsammlung, ach ja, der Initiatoren des Clubs, des Ehepaars Anna und Anno August Jagdfeld. Was also ist er denn nun, dieser Club der superlativen Soupers, der kunstsinnigen Krösusse, der kompatiblen Connoissseurs? Ein fast religiöses Refugium voller Tang-Pferde, voller edler Hölzer, voller schwerer stiller Pracht, geschmackvoll und stilsicher: Ein privates Parade-Paradies.
„Sehen Sie, unsere Kunden”, so sagt es der Geschäftsführer des Clubs, Axel Benz, als wäre er hier geboren und aufgewachsen, ein Gentleman ersten Ranges, „sie sind sehr anspruchsvoll, und eine Mitgliedschaft macht ökonomisch Sinn.” Für einen Konferenzsaal im Adlon, einen kleinen Empfang für Firmengäste sei man schnell 2000 Euro am Abend los, „da lohnt sich unsere plastikene Eintrittskarte im Vergleich”. Und da trifft es sich, dass Benz die Expansion auf 2000 Mitglieder anstrebt, von den 200 Beneidenswerten, die er bereits hat: „Meine Londoner bestürmen mich, das Konzept nach England zu exportieren.” Und gerade die seien es, die den versteckten Kolonialismus, die Anlehnung an den Hongkonger Club begreifen, die den Clubgedanken, hierzulande ein Novum, als Teil ihrer Kultur sehen.
Das Soho House in London mag man vergleichen, der Harvard Club in New York, alles schöne Häuser, alles Instanzen — nur hinein kommt man nicht — hier in Berlin hat man die Zugehörigkeit zumindest demokratisiert. Anno Jagdfeld, man trifft ihn selten, kurz ist er heraufgekommen, ein weißes Einhorn der Hochfinanz, gerade sucht der Mäzen, so heißt es, wieder einmal 300 Millionen zusammen für ein Projekt, Euro oder Dollar, man wagt nicht zu fragen, er hat eigene Ansichten: „Sehen Sie, Luxus schafft Arbeitsplätze, er ist die höchste Form der Demokratisiserung.” Ein bischen klingt er wie Maynard Keynes, „Enzensberger hat einen guten Essay geschrieben, kein System hat die Demokratie so nahezu vollkommen verwirklicht wie das unsere, im Nazismus und Kommunismus, da kommen nur die falschen Leute nach oben, da ist mir die freie Wirtschaft lieber.” Er ist ein intelligenter Mann, er hat wenig Zeit, und ein bisschen scheint es jetzt, als sei dies hier sein Privatvergnügen, er stellt es der Welt zur Verfügung, so wie er das Adlon hingestellt hat, aus dem märkischen Boden gestampft, eigentlich ein Wunder. Dann sagt er leise, „haben Sie die Kunst gesehen?” Ein eindrucksvoller Mann. Geld, Geist, Genie.
Man mag zur ökonomischen Situation in Sichtweite, hinten in Marzahn, stehen wie man will — hier läßt sie sich eine Zeitlang vergessen.
Und so macht es vielleicht auch ein wenig Sinn, dass Mao Tse-Tung diese elegisch-elitistische Entwicklung gleich zweimal von der Seite her skeptisch beäugt: Der Künstler Feng Zheng Je hat ihn als modernen Clown in Öl gebannt, der nun den Fahrstuhl flankiert, Fanal für Flanellträger, ein Kritiker des Kapitalismus. Im China Club Berlin stimmt eben wirklich alles. Klasse macht Kasse.
HARALD STAZOL
Das letzte Mal, dass die Vereinigten Staaten sich so einseitig unilateral und imperialistisch verhalten haben war im Jahr 1846, als sie einen Krieg mit Mexiko provozierten, um sich Kalifornien einzuverleiben. Die Mexikaner haben es inzwischen auf geschickte Weise geschafft ihre alte Provinz wieder zu besiedeln und nur noch Disneyland zeugt vom Höhepunkt unserer einstigen Hegemonie. Gier ist Ursache des bevorstehenden Krieges gegen den Irak, genau wie sie es damals beim Krieg gegen Mexico war: Alle unsere Würdenträger, die Offiziere von Staatswegen sind mit Ausnahme Colin Powells im Ölgeschäft. Die amerikanischen Medien sind geübt darin, sind darauf trainiert, sofort in spöttisches Gelächter auszubrechen, wenn irgendjemand behauptet, es gäbe eine Verschwörung: Egal, ob es sich um den Mord an einem Präsidenten handelt, die Eroberung der Phillipinen, oder eben die Tatsache, dass wir uns in Position bringen, um die Weltölreserven einzukassieren — ob in Eurasien, dem Iran und dem Irak, was immer wir zu fassen kriegen. Ganz egal wo, Hauptsache, wir können danach grabschen. Um also nicht von Konspiration zu sprechen rede ich lieber von Koinzidenz: Vom Zufall, dass zwei Mitglieder der Familie Bush, dass Condolezza Rice, Gale Norton (im Innenministerium) und Rumsfeld alle im Ölgeschäft sind, und dass vor kurzem das Wall Street Journal schrieb, vor allem Cheney und seine Halliburton Company würden von einem Sieg gegen den Irak und von den riesigen Ölreserven profitieren.
Ich glaube auch, dass das Militär außer Kontrolle geraten ist: Vor allem in
seiner Gier nach Geld und den Versuchen, den Verteidigungshaushalt stetig zu erhöhen. Unsere Streitkräfte haben noch nie gerne gekämpft, das amerikanische Volk ist eigentlich im Grunde pazifistisch und neigt mitunter periodisch zum Isolationismus. Einmal glaubte Reagan, ein Eroberungsfeldzug sei amüsant… wo war das noch? In Nicaragua? Die Generäle hielten ihn im Stillen, ganz privat, zurück, weil sie fürchteten, keine öffentliche Unterstützung zu erhalten, gerade nach Vietnam…
Heute kontrolliert die äußerste Rechte mit ihren Machtbasen in den kleinen, verlorenen tiefreligiösen Städtchen im Süden und Südwesten des Landes die republikanische Partei und finanziert sie mit Geld aus dem hauseigenen und landestypischen Ölgeschäft. Weil die amerikanische Verfassung ihrem Wesen nach antidemokratisch ist, wurde das Electoral College installiert, um zu gewährleisten, dass der Wille des Volkes sich nicht durchsetzen kann: Am dramatischsten zeigte sich dies anläßlich der Krönung Georg Bush zum Kaiser des amerikanischen Imperiums, obwohl doch Al Gore zum Präsidenten gewählt worden war. Zufälligerweise sind die rechten Kleinstädter in der Minderheit, aber unser föderales System erlaubt ihnen ebensoviele Senatoren zu stellen, wie New York: Zwei. Das Electoral College besteht aus allen Angehörigen des Repräsentantenhauses und des Senats — deswegen können sich die Kleinstädter verbünden und die Wahl der Mehrheit aushebeln und stürzen, so, wie sie es 1876 taten und eben im Jahr 2000.Wir haben kein nennenswertes Erziehungssystem für die breite Bevölkerung, und die Medien schildern nur die surreale Sichtweise des Vereinigten Corporate Amerika auf den Rest der Welt. Den Amerikanern stehen nur wenige Informationsquellen zur Verfügung, um überhaupt mitzubekommen, was der Rest der Welt tut oder denkt. Die Hälfte von ihnen denkt heute, Saddam sei für den 11. September verantwortlich: Die Kunst der öffentlichen Indoktrination ist sehr hoch entwickelt. Rom hielt den ewigen Krieg für eine nützliche Politik. Hätte Romulus Augustulus, (der letzte römische Kaiser) das Internet zur Verfügung gehabt, würde das imperialistische System noch immer den Palatin beherrschen. Bush hat einen viel fundamentaleren Grund für den ewigen Krieg an den Reichsgrenzen: Traditionsgemäß können in Kriegszeiten unsere Bürgerrechte eingeschränkt werden. Habeas Corpus etwa kann von der Verhaftung ohne Angabe von Gründen ersetzt werden, und das war ja auch das erste Gesetz, das nach dem 11. September durch den Kongress gepeitscht wurde: Der CIA Patriot Act ist nichts anderes als die fast völlige Annullierung, die Nichtung der Verfassung. Arroganz ist eine Begleiterscheinung des Imperiums. Ich habe sieben Romane über dieses Imperium geschrieben, die Geschichte der USA von der Revolution bis zum Millenium: Meine Bücher “Empire“ und “Das goldene Zeitalter“ beschreiben, wie exakt und ausgeklügelt vor allem die Cousins Roosevelt dieses Imperium erdacht und geplant haben. Meine Sichtweise stört vor allem die offizielle Hofberichterstattung, aber ich bin einer Meinung mit Charles Beird, so wie William Appleman mit mir übereinstimmt: Es ist schade, dass nach Deutschland als unserer Eins-zu-eins-Abklatsch-Provinz in den äußersten östlichen Marschen im titanischen Kampf gegen den Kommunismus so wenig Information über seine imperialistischen Herrscher vordrang. Schließlich sind wir doch das Volk Gottes (Abteilung Protestantismus), genau wie Julius Cäsar von Venus persönlich abstammte!
Ich kann die Psyche George Bushs für niemanden erhellen. Er ist ungebildet. Ein Mann, der sich vor dem Vietnamkrieg gedrückt hat. Seine Familie hat weniger Herrschaftsinteresse als an Geldgier — die Eigenschaft liegt in der das ist eine Familieneigenschaft. Dank unserer gefährlich anachronistischen Verfassung aus dem 18. Jahrhundert hat er die Präsidentschaft erhalten, um den Reichen und ihren Unternehmen die Steuern zu erlassen. Die Regierung und die fünfzig Länderregierungen sind tief verschuldet: Und die Tatsache, dass die USA für Bushs Traumkrieg gar kein Geld hat, kann die Welt noch retten. In der Zwischenzeit sollte Europa einige Worte erwägen und bedenken, die schon einmal die Welt von unten nach oben gewendet haben, die Worte der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: “Wenn es im Lauf der menschlichen Geschichte nötig wird, die politische Bindung eines Volkes an ein anderes zu lösen und selbst die Macht in die Hand zu nehmen, eine eigene und gleichbereichtigte Stellung einzunehmen, zu der sie die Gesetze der Natur und die Natur Gottes ermächtigen, verlangt der Respekt vor der Meinung der Menschheit die Darlegung der Gründe, die sie zu dieser Loslösung veranlassen.“ (aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung)
GORE VIDAL (Übs. HARALD STAZOL)
genf, hotel de la paix. zimmer 101, wie gewohnt. balkon über den platz und zur fontäne, merci madmoiselle. he did what he could, evidemment. unten in der halle um neun fred. ein zwei meter junge, 26, habe ich die götter denn unbewußt doch angefleht, der mit mir erst einmal zum hotel hilton geht, wo ein teil der 500 araber untergebracht ist, der hofstaat von könig fahd. ein chardonnay, akzeptabel, er ein bier hinter dem hotel, pub, die ganze straße voller mercedes, ein gelbes ferrari cabrio, und jede fußgängerzone voller araberinnen und ihrer kinder, ab und zu neugieriger blick eines flaumbärtigen araberchens, dann in die bar, fred schüchtern, was sagst du, wenn er fragt was wir hier wollen, ich: guten abend, einen drink bitte. er offensichtlich beeindruckt. ganz schön ehrgeizig, der junge. sieht schnell ein, dass er mit einem tele hier nicht weit kommen wird, sondern eher eine minox braucht. vorne in der siebzigerjahre verspiegelten pornolobby vom allerfeinsten erst mal zwei prinzessinnen, die auf nichts bestimmtes warten, dann ein haufen prinzen, dann nichts, nur sessel in rot, die aussehen wie rote lippen oder münder. unglaublich gelangweilte dicke männer stehen herum, der champagner kostet 17 franken, sein cocktail 22, wir radebrechen zwischen meinem noch nicht ganz fließenden französisch, er auf stöckelnden englisch. süß, mein zwei meter mann. er schon vorhin, auf die frage, wie ich ihn erkenne, naja, ich bin zwei meter, und ich, oh, i like that. bei mouawad dem leibjuwelier des saudis ein fliehendes pferd aus jade auf rotgoldenem boden, groß wie ein kofferradio, auf ein hindernis aus türkis, jaspis und perlmutt zupringend, von brillantbesetzten bäumen flankiert, daneben eine schale aus bergkristall und eine aus ausgehöltem rosenquarz, groß wie ein kinderkopf, edelsteinbesetzt, und ein spiegel mit goldenem ständer, von rubin blütenranken, saphiren und smaragden besetzt, kleines mitbringsel für die prinzchen daheim, jedes ne million, schnell geschätzt, währung? was sie wollen.
dann mit fred ins rotlichtviertel, wo er ein paar schwere jungs kennt, weil die araber ganz offensichtlich rauhe mengen von dildos, dvds und girls einkaufen. ins sex center, aber keiner der chefs ist da, dafür marodieren tatsächlich einige der flaumbärte und fetten männer von vorhin unschlüssig durch die gassen, vorbei an lackkgewandeten afrikannerinnen und bleistiftdünnen marrokanerinnen (die sind billiger). fred sagt, wir sollen hinterher, ich sehe uns schon in riad ausgepeitscht, da kommen sie heraus und gehen in unseren laden. kurz danach kommt einer der chefs, eine ziemliche schwuchtel, der uns sagt, wir seien tot, wir merken es nur noch nicht. ausgeschlossen, die araber zu fotografieren, unmöglich, vier, fünf corps de garde, leibwachen wörtlich, pro prinzessin, sie riefen immer an, einmal pro woche, und er müsse den ganzen laden dicht machen. jeder, der sich den maschinen auf dem flughafen, den ersten acht des königs, den weiteren sechs eine woche später, und den drei der königinmutter nähere, würde erschossen. als ein mädchen auf der suite nicht spurte, warfen sie sechs leibgarden aus dem fenster, oder einer eine sechs stockwerke tief, das wisse er jetzt nicht so genau, und nein, er würde mir nicht sagen, was sie wollen, das seien seine kunden, und er sei diskret, excusez moi, monsieur. dann geht er, und freddy lacht ein wenig und sagt, merde, ich habe auf dem flughafen gearbeitet und stand fünf meter vom flieger entfernt und lebe ja offensichtlich noch, und ich sage, stimmt, du lebst ja noch, hahaha, und er sagt, er hat mit einem der fahrer seiner majestät geredet, einer mit dem abzeichen des königs im ausweis, und der sagt, es seien gar nicht 20 millionen franken ausgegeben worden, seitdem der könig hier wieder wohnt mit seinem kaputten knie, sondern 40. dann kommt der andere besitzer, Jerome, auch schwul, und er sagt, was denn, die araber, die seien doch alle asexuell, denen genüge die vorstellung sie könnten drei blondinen auf einmal haben, das sei so in der kultur, und woher denn, da kämen keine gruppen in dunklen limos und gäben geld aus für ein stockwerk girls, geld bezahlen für frauen würde sie voll beschämen, das sei reine phantasie bei ihnen, und überhaupt: genf sei ja eh viel zu klein, die nehmen flieger nach london, paris und new york. eric hat aber doch gesagt, die bringen uns um, wenn wir ihnen zu nahe treten, egal, ob wir nen pass haben, und die polizei gucke weg, weil die soviel geld haben. quatsch, meint Jerome, wenn ihr soviel kohle hättet, würdet ihr da in dieses kaff kommen, guckt euch doch um, und dann scheucht er eine der dunklen boyladies von meiner seite, nein, das sind keine kunden, das sind journalisten, und freddy eine vom wirklich beachtlichen schoß, und der ist ganz aufgeregt und sagt, mein gott, die kann mir gefährlich werden, und ich sage ihm, junge, das ist ein junge, und ob er eigentlich sicher sei, dass er hetero sei. the story of my life. er absolument, und ich weiß nicht, ob er auf dem rückweg ins hotel ein wenig stiller geworden ist, als er mir die hand gibt. wir haben ja jetzt zwei genau konträre aussagen, denke ich. Jerome meint, die saudis wollten in europa ganz normale bürger sein, das sei ihr traum und dass sich da seit einer generation unheimlich was getan hätte, und ich denke an al quaeda und dass er wahrscheinlich recht hat damit, dass die einfach nur wirklich weit gereist sind und weltgewandt, und in mir wahrscheinlich den dekadentesten sproß des vernichtungswürdigen westens und glaube die ganze zeit auf dem weg zum hotel, gleich fliegt mein kopf auf die straße, mit dem krummschwert entfernt, aus fahrendem sel, und rollt in den rinnstein mit dem ausdruck leichten entzückens, weil ich noch glaube, es sei freddy, der es sich anders überlegt hat, und morgen kommt in aller frühe ein sauberer schweizer straßenfeger und bringt mich auf den journalisten-friedhof gleich hinter calvin. wenn du hier eine dummheit machst, sagt jerome, weiß es morgen doch die ganze stadt, der könig ist hier nur wegen der guten ärzte, und wenn der könig stirbt, dann ciao, genève.
fünf uhr, die sonne dämmert über dem lac leman und ich kann fast das barschelzimmer sehen im beau rivage gegenüber. muß immerzu an freddy denken, und auch ein wenig an roman, weil sich die beiden so ähnlich sind und sehen, dann an kim, der doch tatsächlich die güte gehabt hat zu mir zu sagen, er sei langsam sauer, dass ich immer soviel rumreise und wir uns überhaupt nicht mehr sähen. ein geige im fernsehen spielt irgendwas von vivaldi, schaff ich auch noch, hoffe ich. nehme ein bad, lasse die balkontür offen, der bewaffnete mann unten wird wohl den eindringling schon erschiessen, solte denn jemand wirklich mich armes kleines engelchen abknallen wollen, alles nur wegen der knie eines welken königs. was ist das faszinosum an einem weitestenteils abgrundhäßlichen volk, das schon in der history of the house of saud von robert lacey sehr ironisch beschrieben wird? fange den neuen fay weldon roman an, die fahnen werden naß, fängt gut an, lenkt mich aber momentan zu sehr ab. breche jetzt also mit meiner privatheit ab und entdecke plötzlich, dass die decke tatsächlich himmelblau mit dem kronleuchter kooperiert. unendlich dämliche mail meiner tante, die sich an meinem verhalten stört, ich schreibe dito, meine aber eigentlich tito, und frage mich, wie es einer einzigen frau gelingen kann, nur über email so unendlich unsympathisch zu sein, dass ich wahrscheinlich nicht mal zu ihrer grablegung kommen werde. muß unbedingt die gruft erweitern lassen. es dämmert draußen unbeeindruckbar weiter. habe endlich aufgehört, mich zu hassen. in dieser woche fast mit drei männern geschlafen. schon wieder terroranschlag in israel, das langweilt. manuskript JETZT schon ein fünftel der erstlings, muß mich ranhalten, dann bin ich in drei wochen fertig. womit? womit? cnn an, warum eigentlich auch. versuche, noch ne mütze schlaf zu bekommen. hände tun weh vom tippen.
noch immer schmilzen mir die auge vom palast des königs fahd, der hellerleuchtet und mit mindestens sechzig limousinen vollgestopfter einfahrt hellerleuchtet vor uns mitten im dunkeln, nachdem gilles dupont und champagner in seinem restaurant, einem der besten der welt, zweifellos, und er uns eben zurückweist mit unseren verdächtigungen, die seien alle ganz normal, die araber. wie sehr, she ich in der rue du rhone, als eine arme prinzessin die dreißig meter von juwelier zu juwelier im mercedes zurücklegen muß und vor dem fenster wirklich eine art negersklavin warten muß auf prinzesschens rückkehr. Kim auch total müde, ruft aber an, wie schön und fragt, ob er stört. nein sage ich, nichts im vergleich zu den sekunden, als freddy die prinzessin im inneren des ladens ablichten wollte, durchs panzerglas, bei piaget, und ich aus lauter panik erst olli in hamburg anrufe und freddy mich an der hüfte in schußposition führt, am geschmeide vorbei, und ich glaube, wir werden gleich von den ghurkas geschlachtet, die königliche hoheit so mit sich führen. drinnen ein baguette-diamant von 42,92 karat, groß wie ein lutschbonbon, kolliers, birnengroß, aber sie kauft uhren, uhren, und sofort wird ihr aufgetan und die bodyguards trennen sie von der straße. ihr mercedes s 500, DN-XX-5534 fährt mindestens zehn mal die rue hinab, immer bereit, immer auf dem sprung. doch der reihe nach:
gehe am frühen morgen, der portier nimmt meinen aufzeichnungen entgegen und sendet sie nach köln, mit dem ansinnen, meinem lektor noch ein stück vorzustellen, ins norga hilton, es ist recht früh, und draußen steht noch immer der mann mit der maschinenpistole. dann zurück, freddy holt mich ab und wir auf dem weg zu jean, dem agenturchef. der weist auf gerüchte, seine majestät wolle dieser tage aufbrechen, eine abreise des trosses könne in wenigen stunden erfolgen. oben im atelier wildes umhertelefonieren und entrag der königlichen residenz im park, telefonat mit dem stern bildpersonal, dass alles in ordnung, und mit den leuten von cartier in paris, mir eine goldene uhr an die rezepition zu liefern, einfach, um nicht so aufzufallen, erinnere mich plötzlich meiner roségoldenen rolex, bin beruhigt. dann los mit freddy. erst zu trocadero, einem kindermodeladen des gehobenen geschmacks, das t-shirt zu 90 franken runtergesetzt, ein badefrosch doch auch noch immer 30 franken, von den kleinen taftkleidchen zu schweigen, die besitzerin, eine art madame sousatzka, will nicht genannt sein, weil es doch in genf verschiedene taschen der gesellschaft gibt, die dem ostentativen orient einiges an calvinismus entgegenhalten, man wolle seinen recihtum nicht so zeigen. zwei einwände, ungeäußert: worin besteht die zurückhaltung, wenn ich an einem vormittag mehr goldene uhren und perlenketten guter qualität an den genfer damen und ihrem europäischen besuch erkenne, als ich zählen kann, und ist es nicht vielmehr so, dass die von wohlstand durch fleiß besessenen genfer einfach tief in ihrem weltbild erschüttert sind, wenn ein volk sich einfach nur durch geografischen umstand, das durchsetzungsvermögen ibn sauds als jungen mannes und des unvermögens der kolonialistischen widersacher seiner natürlichen ressourcen selbst erfreut, im absoluten übermaß? das haus saud verbraucht jährlich nur ein prozent des bruttosozialproduktes. überdies, so madame, habe sich vieles gebessert: vor 25 jahren sei eine prinzessin noch in den laden gekommen und habe einfach alles auf den boden geworfen, was sie haben wolle, wie im bazaar. nun käme ein prinz nun schon zum zweiten mal, und sie würde den höfliche, wohlerzogenen mann mit dem etonabschluß und dem harvarddiplom sanft darauf hinweisen, dass er dieses kleid seiner tochter gestern schon dreimal gekauft habe. die tax deduction, so er, entfiele, man reise ja mit privatjet. sowas sei die rettung der genfer geschäftswelt, jetzt, die russen ausblieben wegen der rührigen schweizer justiz, dem BBBB skandal, dem wegbleiben der südamerikaner nach der argentinienkrise udn der lage im allgemeinen. genf sei viel zu klein, um eine vergleichbare anzahl von luxusboutiquen füllen zu können, 400000 einwohner, ich bitte sie, monsieur. man dankt und nun weiter zur rue du rhône, zu davidoff, weil freddys vater dort chef war. schneller einkauf von gigantischer humidorfüllung unterschiedlichster qualitäten unter kundiger beratung durch den neuen chef, ankauf einer zigarrettenspitze, weil schnell klar ist, dass mindestens dreißig prozent skonto gewährt werden. nein monsieur, die araber rauchen nicht, man müsse jedoch zu les ambassadeur in die ausstellung von graff, wo besagter 40 karäter, gelb, in schwerster bewachung. bettina trifft ein, noch immer schön wie der morgen, lunch, besprechung, gutes entrecôte. dann in delikatesspassage, wo ein libanese bereitwillig den hersteller des könglichen brotes nennt, aber gerne, das schreiben sie jetzt aber nicht, seinen kopf behalten will. die beiden hellen, freddy und betty, hätten bei den garden keine chance, mich würde man wohl für einen levantiner halten, und würde durchgelassen. danke, teint. bei armani, rue du hône, schon beim reikommen arabische musik im lautsprechersystem, dann plötzlich die sklavin auf der straße, dunkel und geduldig, und die prinzessin, schmal und von gefährlicher eleganz. da man sie nur hinter panzerglas sieht leichter eindruck von seltenem zierfisch, der nicht ohne leibwächter und nur hinter glas existieren kann. ein armes, reiches mädchen, eigentlich. fühle mich wie der prinz im märchen, der gegen die bösen garden anreiten muß, um ihr antlitz der welt zuzuführen, vielleicht wird ja ihr leben verändert. freddy entwickelt dank leiser konica hexar eine handgelenkstechnik, die er manchmal durch husten übertönt, genial. betty und ich mutieren zum unendlich ennuyierten milliardärsehepaar mit begabtem zwei-meter-cousin, immer dann wild telefonierend, sobald die prinzessin an die luftschleusen tritt. noch nie so unverfänglich auf den bus gewartet, reiseführer gelesen oder zeitschriften entfaltet. werde übermütig und erkundige mich nach einem schachbtrett aus weißen und schwarzen diamanten, im auftrag eines kunden, werde für eine britischen erzieher gehalten und mit dem kaufpreis von 450000 dollar gelockt. die dollar hat er nach einem blick auf die rolex kurz mal aus dem franken gemacht, ich danke irritiert und wende mich ab, während sich der distinguierte juwelier hinter mir hörbar in den hintern beißt.
nach der gefährlichsten aktion erstmal freddy aspirin gekauft, vorher hat er kurz geglaubt, betty wolle von ihm eine konica-kamikaze-aktion und er solle piaget stürmen. während er unter unseren gogogo-rufen stoisch sein eis weiterisst, kläre ich das mißverständnis auf, dass durch bettys und sein englisch entsteht, finde mich dann aber zum dank selbst gewissermaßen in pearl harbour. danach völlig durchgeschwitzt, 17 uhr, rückzug ins hotel, bad, neuer anzug, neues hemd, blume ins knopfloch, 17.30 uhr treffpunkt rhônebrücken. klingt ein wenig nach preußischem generalstab, n´est-ce pas?
anschließend flanade über beau rivage, lobby, bar, restaurant, zum noga hilton, lobby, bar, restaurant, ins president wilson, wo ich schon gewohnt für die juwelenauktionen, eigentlich das beste haus am platze, grüner marmor am boden und oben die königliche suite, in die seine majestät manchmal verbracht wird, wenn der kavalkaden-konvoi 30 fährt, weil der könig schläft. betty in ihr hotel, frischmachen, ich und freddy an die terrasse am seekai, die jeunesse dorée de genève an den lippen, guter weißwein, man lagert im gras und verabredet sich für samstag zum letzten aufgebot durch die bars, wünscht bonne chasse, betty mit, nicht, ohne mir noch sehr gute karrieretips zu geben. dann zurück ins wilson und die tour retour, um von freddy ins lion d´or chauffiert zu werden, jenseits des sees, in cologny, dem besten restaurant des landes, inmitten atemberaubender villen vor nicht minder atemberaubendem seeblick, etwa so wie thomas augen, und es sich der maître, gilles dupont, nicht nehmen läßt, un coup de champagne zu kredenzen. er kocht für den könig, würde sich aber eher flambieren lassen, als es uns einzugestehen. nein, die araber seine völlig normal, äßen gerne lamm, gut durchgebraten, früher, ja da seien sie anders gewesen, sie konnten nicht lesen und schreiben und hätten mit dem finger geschnippt, weil es bei ihnen so üblich, aber das sei auch ihnen selbst so peinlich gewesen, dass sie sich sofort gebessert hätten. gerade erst hätte er sie beim jazz in montreux gesehn, wirklich ganz normale leute, sorry to have to say that, mit ausgezeichneten manieren, wirklich ausgezeichnet, man bedaure, ob wir denn schon bei den juwelieren…? oui, monsieur, merci, monsieur. blick auf die karte: filet mignon de veau élevage naturel parés de pudre d´amandes et pistaches jus au vinaigre de vin vieux et porto, jardinet et légumes à la sariette, 64 Fr. akzeptabel. auf der fahrt zum palast frage an freddy wie er seine kindheit bei mentaler stabilität verbracht haben kann, hier in genf.
dann, nach langsamer irrfahrt in der dämemrung, weg um weg hinab an hecken entlang, ein zaun, der kein tor, eine mauer, die keine einfriedung mehr findet, ein anwesen, groß, wie ein fürstentum. irgendwo weit hinten lichtschimmern durch das dichte grün. und eine biegung später, schwer, schwer einzusehen, liegt er da, der palast: hunderte meter lang, ein meer von dienstbaren geistern stehen in der nacht, mindestens sechzig wagen, ich erwähnte es, und ein wenig trauer liegt über ihm, weil nun ganz klar ist, dass unendlicher, grandioser krösushafter reichtum den tod nicht besiegen kann, dass der könig von saudi arabien in all seiner pracht letztlich seiner zerbrechlichsten prinzessin gleicht: einem flüchtigen traum unter glas.
hat nicht george bush beim berlinbesuch von der glasglocke gesprochen? haben sich ganze gesellschaftsschichten dahinter zurückgezogen? arme, arme prinzessin, die du nicht an den see darfst, wo die anderen kinder, die gerne deine freunde wären, spielen, die jeunesse dorée genfs, wo dir sicherlich ein mann gefallen würde, wo du einen bankierssohn lieben würdest in seinem gestärkt lässigen hemd, dem schönen gesicht und dem federnd-sportlichen brustkorb, und der dich lieben würde so sehr, dass er dir eine weiße villa schenkte nicht weit vom lion d´or wie aus tausendundeiner nacht. du darfst ihn, du darfst sie nicht haben. weil dein vater, dein großvater, dein urgroßvater, wir wissen es nicht, der könig ist und beherrscher der gläubigen, ibn saud, herrscher über riad, gepriesen sei sein name.
zu bett. Kim rief an. müde, unendlich müde. glücklich, so frei zu sein.
Der bodyguard :
Ich arbeite seit drei monaten für den könig oder für den kronprinzen, also den bruder des königs, meine ausbildung habe ich vor jahren gemancht, manchmal bin ich auch für politiker zuständig. Das einzige, was ich mit ihnen spreche ist, Ist ihnen kalt oder ist ihnen warm. Mehr nicht. Wir werden vom saudischen staat bezahlt, sind eine privatfirma. Es leben etwa 20 personen im palast, keine frauen, keine kinder, die kinder komen nur zu besuch. Am abend macht der kranke könig vor dem zubettgehen gerne eine ausfahrt durch den park, der aussieht wie versailles, es gibt dort wasserspiele, in seiner limousine, er wird dann von einem enkel, einem sohn oder einem besucher begleitet. Dann geht er zu bett. Wenn ich nachtschicht habe, steht mir ein apartment zur verfügung, zu essen gibt es für uns immer reis, und natürlich die reste der bankette, meistens mouton, huhn und andres fleisch, zubereitet von seinen leibköchen. die patisserien werden geliefert. Eine schicht dauert höchstenfalls 12 stunden, weil wir ja in form sein müssen. Wir sind pro palast, es gibt zwei, je 14 wächter. Wir sind aber nur in den küchen zugelassen. Ich habe noch nie eines der zimmer betreten – die sind off limits. In der tiefgarage des palastes stehen etwa 20 ferraris und nochmal soviele lamborghini diabolo, die nie berührt werden. Nur zweimal im jahr werden sie zur inspektion gefahren. ein hobby des königs. Ich spreche nur französisch, der könig englisch und saudi-arabisch. Wir erfahren, ob eine person erwünscht ist von einem saudischen colonel, den wir anrufen müssen, ansonsten achten wir darauf, dass es keine bittsteller, aggressoren oder angreifer in seiner nähe gibt. Natürlich müssen wir die schweizer gesetze achten und haben keine lizenz zu töten. Ich verdiene zwischen 1000 und 2000 franken am tag, das hängt von der länge des dienstes, den betreuten personen, ihrer anzahl und dem risiko ab. Wir sind mit pistolen und gas-pistolen ausgestattet. Normalerweise kommen auf einen prinzen etwa 14 personen begleitung. Vier sind immer bei ihm, immer. Es gibt zwei gepanzerte fahrzeuge, mit denen die höchststehenden personen unterwegs sind, die familie bewegt sich andauernd um den see. Es gibt keine tiere im palast. Wann es losgeht, erfahren wir erst im letzten moment, und dann legen wir die route fest. Sie treffen sich mit politikern, gehen shopping, am liebsten zu cartier, viel zu rolex und armani. Nach jedem auftrag bekommen wir geschenke, geld oder uhren, das gilt als normal. manchmal warten wir den ganzen tag und nichts passiert, dann ist der job langweilig, sonst sind die araber sehr angenehm im umgang. Da sie sehr religiös sind, werden die prinzen zum freitagsgebet nach genf in die moschee gefahren.
Moschee du grand saconnex, 13 Uhr: etwa 3200 gläubige freitags, fünf prinzen, der minister für agrikultur, der ehemalige informationsminister, eine unendliche autokolonne auf dem linksabbieger. Die moschee ist aus weissem marmor, ein springbrunnen steht davor, alles ist voller schuhe. Ein kleines mädchen, etwa fünf jahre alt, isst chips, während ihr vater betet, er lässt keine hand von ihr, sie trägt ein weisses kleid mit rotem apfelmuster. Vorne betet der imam von genf, der vor allem für seine traumdeutung berühmt ist. Gerade spricht er von der verantwortung, die den medien zukommt, alle blicke richten sich auf mich, weil natürlich jeder weiss, dass der stern eingeladen ist. Nein, eigentlich nur, dass ich da bin. Während des gottesdienstes rufen viele leibwächter den chef der moschee an, um sich zu vergewissern, dass alles in ordnung ist. Man kann davon ausgehen, dass die saudische familie von unserem hiersein unterrichtet ist, später wird sich der saudische general-konsul vorstellen, auf der strasse, und auch der landwirtschaftsminister. Nun aber gehen sie erst mal alle zu boden, jeder murmelt seine koransuren. Ab und zu herrscht totale stille. Dann sind die prinzen, die minister und die bettler, so sagt es M. Woirdiry, der chef der moschee, vor Allah alle gleich. Der Imam spricht von der toleranz, dass es notwendig ist für Gläubige und ungläubige, in frieden nebeneinander zu leben (war ich nicht im hotel de la paix?) , und dass es an allen menschen ist, gutes zu tun. Nach dem gottesdienst werden vor der moschee mahlzeiten verteilt, für alle, gespendet vom saudischen thronfolger, für alle, reich und arm, und ein junge reicht kalte, frische datteln auf der strasse, und jeder der will, greift zu. Einen moment lang blockiert die limousine des ministers die ganze strasse, man muss sich noch verabschieden, und jemand ruft, mein gott, er blockiert doch alles, da wollen genfer durch, die kommen nicht weiter. Eine gruppe junge männer lacht, haben sie das gehört, sowas würde in england nicht passieren, die armen schweizer.
die polizei kommt jedesmal und ticketiert die parkenden autos, warum machen die das, fragt der chef der moschee, monsieur woirdiry, wir sind hier, um ihnen was zu geben, und alles was wir wollen ist ein lächeln, warum kassieren die genfer uns hier so ab. 57 nationalitäten sind hier versammelt. Sind die neidisch, weil wir so cool sind? Er lädt uns zu getränken ein und später zum essen, von den spenden des prinzen, die mahlzeiten wurden bei dem besten türken der stadt bestellt. Er sagt, er gehe in dem palast aus und ein. Der könig sei ganz normal, und nur die europäer fänden etwas besonderes an ihm. Warum die frauen denn so verschleiert sein müssen, frage ich ihn. Und er sagt, dass manche schönheit zum schutz vor der schwachheit mancher menschen geschützt werden muss. Er bewundert meinen ring, einen hellblauen aquamarin, kirschkerngross, und sagt, er sei ausdruck meiner seele – deswegen lieben araber juwelen: es geht uns doch hier nicht ums ostentative, es geht darum, andere teilhaben zu lassen am glück, das man selbst hatte. Er selbst trägt eine weissgoldene rolex. Und einen diamanten am finger.
Es gibt einen kleinen laden mit ferngesteuerten autos und miniatureisenbahnen am ende der rhônebrücke, den die araber komplett leergekauft haben. Lingerie steht hoch im kurs bei den damen.
Beschluss, erst die spätmaschine zu nehmen, einfach, weil es netter, eleganter und wärmer, ausserdem mail, dass ranga ausfällt. Badehose umsonst angezogen, offenbar, wird aber vielleicht noch im genfer see zum einsatz kommen. Versuche vanessa zu erreichen, die schöne genferin, ereicht, und sie sagt, wenn etwas passiert, wird sie es mich wissen lassen. Jo erzählt, er hätte so etwas wie mein neues diktiergerät noch nie in händen gehabt, habe wohl schnäppchen.
Robert nortik, filmemacher, fährt eine saudische familie, gegenwärtig in paris, eine flotte von 15 mercedes und mehreren prinzen. Ich habe sie kennengelernt und habe ein vertrauensverhältnis mit ihnen, subventioniere meine kunst. 2 monate im sommer jedes jahr habe ich einen fulltime job, warten, fahren, warten, das ist sehr langweilig. Es gibt in genf ein problem, weil es nicht genügend fahrer gibt mit lizenz und führerschein, sodass häufig irgendwelche brüder und verwandte aus ägypten eingeflogen werden, leute, die keinen führerschein haben, und es drückt die preise. Ich bin zum beispiel nicht zufrieden mit den 200-500 franken am tag, manchmal gibt es bessere gigs, manchmal schlechtere. die fahrer werden richtig ausgebeutet. Sie haben überhaupt kein kulturelles interesse, und ich habe mich schon lange gefragt, wie man ihnen eine freude machen kann, aber sie haben keine freude. Es interessiert sie nicht, am ende. Nichts interessiert sie. Nur rumfahren, shopping, sich den anderen zeigen. Man kann sie vielleicht einmal für etwas begeistern kurz, aber nur einmal. Sie sind auch nicht sehr educée, weil man sich für ein studium ja anstrengen müsste – warum ? warum sollten sie sich anstrengen ? ? ? sie sind einfach zu reich. Und es gibt eigentlich nur leute, die das um sie herum ausnützen. Manchmal tun sie mir richtig leid. Doch, sie haben freunde. Wie jeder star sind sie von einer equipe umgeben, und da gibt es dann freunde der familie, die alles für sie machen, sie sind immer zusammen. Wenn es jemanden anderen gibt, der besser gefällt, nehmen sie sich den. Ich nenne das frere du lait, (ammengeschwister, etwa milchbruder, das kind eines dieners wächst neben dir auf, gleichalt, sehr feudal, anm d. verf.) es gibt einen unheimlichen run auf genf, und sogar die allerreichsten saudis können manchmal nicht mithalten um nach genf zu kommen, weil einfach kein platz mehr da ist. Dabei ist es für sie eine frage der ehre, in der nähe des königs zu sein.
Bei einer normalen shopping tour trägt dieser freund dann alles, bezahlt wird cash oder credit, man sieht allerdings nie, was sie mitnehmen, immer ein mittelsmann, intermediere, un voleur de vol, (der diebs des diebes). Nichts interessiert sie wirklich.
Da gleichen die araber doch tatsächlich der mtv generation, wahrscheinlich sogar sind sie deren direkte entsprechung, und man wird sich fragen dürfen, welche konsequenzen der volle wohlstand für eine gesellschaft haben dürfte. Deren einziges ziel offensichtlich die fortführung des wohlstandes ist.