Zur Frage der Regierung
Man nimmt mit Entsetzen zur Kenntnis, dass Deutschland gerade mehr Truppen weltweit einsetzt, als es im Zusammenhang mit der letzten deutschen Expansionsphase 1942 der Fall war. Wie wir als Staat in diese Lage kommen konnten, steht wohl im Zusammenhang mit dem unbändigen Drang des Landes, in der UNO endlich den Zuspruch und den Respekt zu bekommen, den man sich erhofft und für sich in Anspruch nimmt. Dennoch sieht man diese Entwicklung mit brennender Sorge. Wären die Truppen in ähnlich aggressivem Zustand wie die unserer Verbündeten, hätten wir den Kongo längst eingenommen, Afghanistan besetzt und den Libanon zu unserer Einflusssphäre gemacht. Letzteres ist durch den Einsatz der Marine wahrscheinlich schon geschehen.
Ich stelle fest, dass unser Altbundeskanzler Helmut Schmidt bei Beckmann im Fernsehen zu Protokoll gab, dass die grosse Koalition zu der der letzten in der Weimarer Republik einige Parallelen hat. ” Beide konnten nichts gegen die Arbeitslosígkeit bewirken und scheitern an nachrangigen Sachfragen. In Weimar an der Erhöhung des Arbeitslosenbeitrages - und was dann kam war Brüning, Schleicher, von Papen und Hitler. Die heutige droht an der Gesundheitsreform zu scheitern, ebenfalls ein nachrangiges Problem. Der Wähler spürt das”. Na denn, viel Spass.
Man fühlt sich zunehmend nur verwaltet, und von den Anstrengungen, unsere Gesellschaft sozial zu gestalten, ist vor dem Beispiel der amerikanischen Ein-Prozent-Gesellschaft nur noch wenig zu spüren.
Sie scheint die vorherrschende der Gegenwart zu sein. Nie hat sie sich härter und unnachgiebiger gestellt als in den Zeiten des überbordenden Kapitalismus. Die ostdeutsche Schriftstellerin Christa Wolf äußerte einmal, sie sei im neuen Deutschland vor allem über die Tatsache entsetzt, wie sehr die Diskussion um Geld zur Tagesordnung gehört. In der alten DDR seien eben alle so knapp gewesen, dass sich die Frage danach überhaupt nicht gestellt hätte - und sie empfände es jetzt als Belastung, pausenlos eine ihrem Empfinden nach eigentlich unwichtige Sache zum täglichen Thema mutieren zu sehen.
Dem Dandy ist Geld eine nachrangige Frage, ja, es steht im Idealfalle zu hoffen, dass er sich ihr gegenüber eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt. Da der Dandy dem Wesen nach eine Erscheinung des Luxus ist, sieht er sich selbst als Luxusprodukt, demgegenüber Großzügigkeit an den Tag zu legen ist, so wie er sich selbst mit derselben Großzügigkeit der Welt zuneigt. Beau Brummell, der beste Freund des Prinzen von Wales und Epigone des Dandytums, starb völlig verarmt, ohne sein Stilempfinden oder seinen Wortwitz zu verlieren, bis zur letzten Sekunde.

Beau Brummell (1778-1840)
Ich zitiere: “He took a house in Chesterfield Street, Mayfair, gave small but exquisite dinners, avoided all extravagance such as gaming, and kept only a pair of horses. Brummell went on very well in the Prince of Wales’s circle considering his whole fortune was more akin to the annual income of the set he was moving in. He was known for his nicety of dress, elegance of his manners, and smartness of his repartee. He made personal cleanliness popular. Cleaning his teeth, shaving, and scrubbing in a bath daily. He dressed with simple elegance. Of understated elegance he once said: “If John Bull turns round to look after you, you are not well dressed; but either too stiff, too tight, or too fashionable.”
Man kann es als eine der hohen Pflichten des Dandys betrachten, seiner Umgebung ihr stetes Gewinnstreben als lächerlich vorzuhalten, als unnnütz, als zerstörerisch, ja mörderisch. “Es kann in diesem System keine dauerhaften Gewinner geben”, ist seine tiefste Überzeugung. Er weiss, dass der Kuchen nur umverteilt wird, ohne je größer zu werden.
Der Dandy ist ein Phänomen, das sich die gute Gesellschaft, wenn man das sagen darf, leistet. Es ist nicht unüblich, ihn zu gewissen Anlässen als Zierde zu laden, einfach, weil man sich an seinen Sottisen erfreut und ihn als angenehme, zurückhaltende, gebildete und amüsante Erscheinung zugegen wünscht. “He sings for his supper” - nicht unähnlich den Künstlern oder Musizierenden, Sängern, Schauspielern und Literaten von denen niemand finanzielle Bedeutung, aber alle talentierten Auftritt erwarten. Ein wahrer Dandy ist schon allein deshalb finanziell unabhängig, weil er sich selbst den Reglements des Geldes nicht so unterwirft, wie es die soziale Realität leider unablässig zu tun gewohnt ist. Er ist nicht zwingend reich, aber seine Existenz bereichert. Es ist dies die vielleicht größte Gefahr seines Seins: In dem Maße, in der die Moderne sich dem Tanz um das goldene Kalb widmet und den Mammon über alles andere stellt, in dem Maße, in dem die geistreiche Unterhaltung an Wert verliert, in dem Maße schließlich, in dem die wahre Würde des unabhängigen Menschen, sein Intellekt und sein gütiges Wesen in den Hintergrund treten, verliert der Dandy an Bedeutung.
Es ist dies im fortschreitenden Konsumismus die Hauptherausforderung des Dandys, dass er sich in der immer stärker anbrandende See des realen Kapitalismus an sein langsam versinkendes Floss mit gutem Beispiel voran festklammert, ohne den Mut zu verlieren. Zumal es in der Vergangenheit für Zeitgenossen wie Vergil, der von der Grossmut des Kaisers Augustus abhing, wie Walter von der Vogelweide, der von der Zuwendung verschiedener Höfe abhing, wie Arno Schmidt, dessen Armut den Industriellenerben Jan Phillip Reemtsma zu großzügigen Spenden veranlasste, genügend Beispiele für mutiges Künstlertum gab!
Dandytum und freies Künstlertum sind nahe miteinander verwandt, mit dem Unterschied, dass der Dandy nicht materiell arbeitet - er ist einfach, darin liegt seine Stärke.
Ein Dandy muss nicht zwingend reich sein, nur weil er schöne Dinge liebt - im Idealfalle gelingt es ihm, seine Dienste gewinnbringend zu verkaufen, oder er ist von sich aus finanziell abgesichert, was in individuellen Glücksfällen durchaus möglich ist. Die wahre Kunst des Dandys besteht allerdings darin, sein Wesen ohne Einfluss von Kapital zu entwickeln. Allein dies ist in der Gegenwart eine hohe Kunst geworden.
Zur Frage des Geldes
“Ich muß dir ein Geständnis machen”, sagt der junge Mann zu seiner Braut. “Ich verdiene nur 1 500 Mark im Monat! Wirst du damit auskommen?” - “Zur Not schon”, erwidert sie. “Doch wovon willst du leben?”
unbekannt
“To make money and to have fun.” (Geld machen und Spaß haben)
unbekannt
= Das Brecheisen der Macht.
Helmuth Pleßner (1892-1985), dt. Soziologe u. Philosoph |
= Das einzige, das eine Frau manchmal für sich behalten kann.
Jacques Tati (1907-82), eigtl. Jacques Tatischeff, frz. Filmschauspieler u. -regisseur
Detailansicht
= Der Sauerstoff der Börse.
André Kostolany (1906-99), amerik. Börsenkolumnist ungar. Herkunft
= Die Kreditkarte des kleinen Mannes.
Herbert Marshall McLuhan (1911-80), kanad. Kommunikationswissenschaftler
= Geprägte Freiheit.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-81), russ. Schriftsteller
Als ich jung war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben. Jetzt, wo ich alt bin, weiß ich, daß es das Wichtigste ist.
Thomas von Aquin (1225-74), ital. Theologe
Das einzige, was man ohne Geld machen kann, sind Schulden.
Heinz Schenk (*1924), dt. Schauspieler, Conferencier u. Schriftsteller
Das Geld, das man besitzt, ist das Mittel zur Freiheit, dasjenige, dem man nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft.
Jean-Jacques Rousseau (1712-78), schweizer.-frz. Schriftsteller u. Philosoph
Das Geld hat noch keinen reich gemacht.
Lucius Annaeus Seneca (4 v.Chr. - 65 n.Chr.), röm. Philosoph u. Dichter
Das Geld kann gar kein Übel sein. Oder haben Sie schon mal gehört, daß man ein Übel so schnell los wird?
Unbekannt
Daß ich meinen Film gemacht habe, hatte rein mineralogische Gründe - ich brauchte Kies.
Otto Waalkes (*1948), dt. Komiker
Das Schöne am Kapitalismus ist das Geld.
Henning Krumrey, dt. Journalist, “Focus”-Redaktion Bonn
Der Wert des Geldes ist, daß - wenn man es hat - man jedem Mann sagen kann: Scher dich zum Teufel! Es ist der sechste Sinn, der es einem ermöglicht, die anderen fünf zu genießen.
William Somerset Maugham (1874-1965), engl. Erzähler u. Dramatiker
Man bediene sich ihrer. Sie ist ein kurzweiliger und lohnender Zeitvertreib. Museen gibt es an allen Orten der Welt. Noch immer ist mir ein Spaziergang durch die Antikensammlung des Metropolitan Museum New York ein einziger, ferner, wunderbarer Traum. Ich liebe den Louvre, verlor mich im Prado und natürlich in Berlin. Allein die ägyptische Ausstellung, im, so glaube ich, Gropiusbau hat unerhörten Rang.
Das British Museum, ewiger Tempel, mit dem ParthenonFries und den Elgin Marbles. Liebespaare begegnen sich dort. Ich male gerade wieder Aquarelle, watercolours, von englischen Landsitzen, nächtens. Man bediene sich ihrer, um bald ihr zu dienen.
Mit Vergnügen nehme ich zur Kenntnis, dass einer meiner mir sehr Lieben zur Zeit im Trainingslager der schweizerischen Armee weilt. In Uniform. Ein Telefonat bestätigt dies. Mit sanfter Stimme weist er daraufhin, dass er nun mehr Freizeit habe, als in seinem Leben zwischen modeln, schauspielern und musicaln. Gestern habe er sich verstecken müssen, “da hab ich dann die Sonne genossen.” Und welcher deutsche Soldat im Felde würde einem schon ein, “es war schön, deine Stimme zu hören” flüstern?
…in Moskau neben den Gebeinen ihres Gatten, Zars Alexander des Dritten, nun endlich die ewige Ruhe gefunden hat. Sie war eine herrische Frau. Sie war eine dänische Prinzessin, die ihren Mann auf einer Bootspartie des russischen Kaiserhauses und ihrer Familie, der königlichen Dänemarks, kennenlernte. Sie war eine Realpolitikerin, die die Schwäche ihres Sohnes Nikolaus II., des letzten Zaren, auf das genauste kannte. Sie sah die Folgen für den Untergang ihres Russlands, des Imperialen, voraus. “Geh aus dem Krieg heraus. Wir sind ein Drittweltland in einer Welt der Ersten, und Korea ist nicht gut genug. So geh raus von diesen Bauern oder Schlitzaugen oder was immer sie auch sind” schrie sie ihren Sohn anlässlich des Balls ihres Geburtstages, an, da hatte das Bolschoi schon getanzt, sie hatte ihr Juwelenbesetztes Fabérge Osterei erhalten, Rasputin wartete im Nebenzimmer, die Kaiserin war mal wieder ohnmächtig, und sie fand ihre eigene Party unerträglich: “Nicht einmal London an einem Sonntagnachmittag kann so langweilig sein wie ein Raum voller Romanows”, ätzt sie aus ihrem von Diamanten, weissen, makellosen, überkrusteten Dekollete, bevor sie einen jungen Offizier zum Tanz nimmt, “man erwartet, dass ich jetzt tanze. Dein Vater hätte…”

Maria Feodorowna, Zarin, geborene Prinzessin Dagmar
Nach Ausbruchs des Weltkrieges herrscht sie ihren Sohn an der Front, man reiste im eigenen Zug, an: “Zerstöre endlich Berlin”
Sie hatte es alles vorhergesehen. Noch vor Ausbruch der Revolution ist sie auf Reisen, wie überhaupt einen Grossteil ihres Lebens. “Wir würden mehr von Euch sehen Maman”, sagte Zarin Alexandra, “wenn Ihr weniger reisen würdet.” Nizza, Cannes, Paris. London. Sie rauscht in den Vorwehen des Jet Sets. Ihr Leben ist eigentlich nur eine Abfolge von Empfängen, Bällen und Gängen in die Oper, das Ballett, das Pferderennen. Die Wände ihres Petersburger Palais aus Marmor waren etwas kalt. Perfekt für Bälle, schlecht für das Korsett. Sie blieb in Dänemark, ihrer Heimat, im Exil. Man hatte ihre Familie ermordet, sie ging viel spazieren. 1928 starb sie. Nun endlich hat Russland sie heimgeholt. Ihr Herz, so hiess es, habe sie in Russland verloren. Chapeau, pour une vraie grande dame.
Man sollte ihn haben. Er ist eine der vielen unabdingbaren Voraussetzungen des Dandys, die er haben sollte, ohne allzu überwiegenden Gebrauch davon zu machen. Die Gesellschaft verzeiht keine überbordende Klugheit. Man sollte ihn deshalb mit Bedacht einsetzen, nicht allzu sehr damit brillieren, um nicht Ungemach und Neid auf sich zu ziehen, sein gezielter, wohldosierter Einsatz kann Leben retten, das eigene, sowie das der anderen. Er ist der Diamant in der Krone der Konversation. Kein Dandy kann auf Dauer ohne ihn bestehen. Genaugenommen ist es eine der Grundanforderungen, die das Leben für ihn bereit hält - die Frage, ob er seines würdig ist, des Intellekts, der ihn täglicher Herausforderungen mächtig macht. Notwendigerweise ist ihm das stets Geistreiche, und er hat sich überdies täglich, stündlich gar, seiner eigenen Kritik zu stellen. Ein dummer Dandy ist keiner, ein halbgebildeter ist ein Treppenwitz - Bildung und Dandytum gehen Hand in Hand, im besten Falle.
Er ist Mangelware, machen wir uns nichts vor - der Anstand ist vielleicht noch mehr von Aussterben bedroht, als der Dandy. Es gibt ihn kaum noch. Leute, die nicht zurückrufen, obwohl man es sich fest versprochen hat, Menschen, die ohne Entschuldigung immer zu spät kommen, Drängler, die einen im Supermarkt oder am gate für den nächsten Flug, beim Joggen im Park oder einfach beim Spaziergang umrempeln. Früher war Anstand das Kennzeichen des gentlemans, ein unabdingbarer Beweis der guten Erziehung, vollendete Umgangsformen sollten das Leben in der guten Gesellschaft vereinfachen und glätten. Es ist eine Frage, ob diese gute Gesellschaft inzwischen nicht von einer des Hau-draufs abgelöst wurde, zugunsten des allgegenwärtigen Turbokapitalismus, in dem das Klassenbewusstsein aufgelöst ist durch die zerfresssende Säure der allgegenwärtigen Gier.
Es ist mir selbst passiert, dass ich eine Cartier Pasha jemandem “für einen Tag” lieh, ohne den Entleiher oder die Uhr jemals wiederzusehen. Es ist der Preis der Anständigen, den sie an die Unanständigen immer entrichten, weil sie nostalgisch an gewisse Regeln denken, mit denen sie auf verlorenem Posten stehen. Sie können einfach nicht begreifen, wie sehr sich der gesellschaftliche Umgangston inzwischen verändert hat. Anstand hat immer etwas rezessives, man zeichnet sich zwar damit aus, hängt aber auch von der Umwelt ab, die diesen als solchen noch zu erkennen imstande ist. es ist sozusagen auch eine Facette des Anstands, dass man ihn als Anständiger formvollendet zur Geltung zu bringen hat, ohne zu wissen, ob die Grundlage für dessen Rezeption in aller Form noch gegeben ist. So gesehen kann der Anstand ein ständiges Verlustgeschäft sein, man erhält zunächst vielleicht nichts zurück, ausser der eigenen Gewissheit, dass man richtig und aufrichtig gehandelt hat.
Der Anstand ist gewissermassen eine Projektion nach aussen: Man kann nur hoffen, dass das Licht, das man durch ihn nach aussen abstrahlt, von einer geeigneten Oberfläche reflektiert wird, dass er gewissermassen zurückgeworfen wird. Er ist eine Haltung der Welt gegenüber, die man im besten Falle reziprok von ihr erwartet, mit dem feinen Paradox, dass man eigentlich anständigerweise gar nichts zu erwarten hat, weil diese Erwartungshaltung für den zu erweisenden Anstand gar keine bis sehr geringe Bedeutung hat. Man ist zunächst vor sich selbst den eigenen Ansprüchen verpflichtet und weiss, dass man als Gegenleistung nicht unbedingt etwas zu gewärtigen hat. Es ist dies die wahre Schönheit einer Haltung, die durch ihr feines Gespür für Anlässe und Situationen aus sich selber heraus existiert. Man geht guten Gewissens voran und freut sich an jeder noch so geringen Reaktion:
Es geht ungerecht zu auf der Welt: Ein Schurke darf sich jede Anständigkeit herausnehmen, ein anständiger Mensch aber nicht die kleinste Schurkerei.
Mark Twain (1835-1910), eigtl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller
Jeder schließt von sich auf andere und berücksichtigt nicht, daß es auch anständige Menschen gibt.
Heinrich Zille (1858-1929), dt. Zeichner
Man sollte immer anständig spielen, wenn man die Trümpfe in der Hand hat.
Oscar Wilde (1854-1900), ir. Schriftsteller
Man kann sich durchaus fragen, ab der Anständige nicht der ist, der die Trümpfe immer noch in der Hand hält, während sie dem Unanständigen langsam aus der Hand geglitten sind. Eine gewisse Höflichkeit kann lebensrettend sein, sie ist die Kufe auf dem eisglatten Boden des gesellschaftlichen Parketts, mit der man Pirouetten drehen kann.
Es gibt dafür einige einfache Regeln:
Man lasse Damen und Älteren immer den Vortritt, erhebe nie die Stimme (es sei denn, man ruft ein Taxi), fluche nicht, verbeuge sich bei jeder Begrüssung leicht, rede nie über Geld, lache nicht über anderer Leute Missgeschicke, enthalte sich also der Schadenfreude. Man bemühe sich, jederzeit ein gutes Beispiel zu geben. Man verletze niemals anderer Leute Gefühle, sei immer diskret. Eine gewisse Verschwiegenheit über Dinge, die andere nicht unbedingt erfahren müssen, ist stets angezeigt. Man gebe sich humorvoll und aufgeschlossen, glänze durch Toleranz anderen gegenüber und sei dabei niemals aufdringlich. Man sei ein guter Zuhörer. Man stehe anderen nicht im Weg.
Ein Dandy ist im besten Falle eine Ikone des Anstandes. Er wahrt immer eine gewisse Distanz, die es ihm ermöglicht, die Verhaltensweisen anderer leichter einzuschätzen, aus der Ferne zu beurteilen und dabei ein gewisses Niveau zu halten. Man betrachtet die Dinge eigentlich wie durch ein Fernrohr, die Position des Dandys ist der des Ausgucks auf einem Passagierdampfer zu vergleichen: Man blickt voraus, um Gefahren zu erkennen, ist dabei selbst aber ausser Gefahr, weil man seine etwas erhobene Warte nicht verlassen muss. Man gefährdet seine Würde nicht, auch wenn die Frechheiten der Umwelt dies ständig mehr erschweren. Man bleibt seinen eigenen Ansprüchen verpflichtet - darin liegt eine gewisse Macht. Anstand ist der Bruder der Höflichkeit:
Man rede dem Arbeiter nichts von Anstand, Höflichkeit und guten Sitten, wenn man ihm nicht gleichzeitig die Bedingungen gibt, daß er anständig und höflich bleiben kann. Dreck und Schweiß färben ab, nach inner mehr als nach außen.
Aus: B. Traven: Das Totenschiff
Mit Geld ließ sich einiges kaufen; gewiß, eine höfliche Behandlung nicht immer.
Aus: Graham Greene: Orient-Expreß
Nicht Höflichkeit war es, die man vom Leben forderte, sondern Liebe.
Aus: Graham Greene: Der menschliche Faktor
Höflichkeit konnte mehr unüberwindliche Sperren zwischen Menschen aufrichten als Hiebe.
Aus: Graham Greene: Der menschliche Faktor
Der Feind mußte eine Karikatur bleiben, wollte man ihn auf sichere Distanz halten, auf keinen Fall durfte er sich in einen lebendigen Menschen verwandeln. Die Generäle hatten recht — zwischen den Schützengräben dürfen keine Weihnachtswünsche ausgetauscht werden.
Aus: Graham Greene: Der menschliche Faktor
Oft wird die normale Höflichkeit von arroganten Leuten für Schwäche gehalten oder sogar für Kriecherei.
Aus: Peter Tremayne: Der Tote am Steinkreuz
Höflichkeit ist Gift für jede gute Zusammenarbeit.
Aus: Reinhard K. Sprenger: Aufstand des Individuums
Siehe: Arbeit
Um der Höflichkeit willen macht man stets zu viele Zugeständnisse. Die Leute nützen das aus, um einen schlecht zu behandeln.
Aus: Robert Merle: Ein vernunftbegabtes Tier
Höflichkeit ist das beste Verkaufsargument.
Jörn M. Kreke (*1940), dt. Unternehmer, b. 2001 Vorstandsvors. “Douglas Holding”
Höflichkeit ist die annehmbarste Form der Heuchelei.
Ambrose Bierce (1842-1914), amerik. Schriftsteller u. Journalist
Höflichkeit ist ein Luftkissen: Es mag wohl nichts drin sein, aber es mildert die Stöße des Lebens.
Arthur Schopenhauer (1788-1860), dt. Philosoph
Das ist die Essenz japanischer Höflichkeit: “Verhalte dich so, daß der andere sein Ansehen wahren - besser noch - mehren kann.
Hisako Matsubara (*1935), japan. Journalistin u. Schriftstellerin