Ein Piercing wird zum Pièce de Resistance, zum Stein des Anstosses, Heidi Klum nimmt Anstoß daran, und als das Möchtegern-Model-Mädchen sagt, sie, Heidi, selbst hätte doch auch ein Tattoo, sagt Heidi jenen Satz. Einen Satz, den man kaum glauben kann. Sie redet vom Ende ihrer Karriere, das nun erreicht sei, und eine Nation hält den Atem an. Gerade hat sich noch der Boulevard auf sie eingeschossen, immer nur zerrt die Presse am Image – Deutschland liebt seine Heidi nicht mehr. Die neueste Staffel von „Germany´s Next Topmodel“ – es könnte Heidi´s letzte sein. In Deutschland. In ihrer Wahlheimat USA ist die Karriere noch lange nicht beendet, man hört von einigen, sicher gewinnbringenden Projekten, man hat keinen Zweifel daran, Heidi wird weitermachen, und wenn sie 2015 eine Home Interior Linie aufmacht. Man muss sich um sie keine Sorgen machen. Sie hat bereits einen Plan, soviel ist sicher. Und vielleicht war´s ja auch nur ein PR-Gag, um wieder in die Schlagzeilen zu geraten. Aber Deutschland macht sich gerne Sorgen.
Wäre sie ein Container, die Deutschen würden sie lieben: Heidi Klum, Exportweltmeisterin ihres unbestrittenen Talents, sich ungestüm selbst zu vermarkten, Heidi Klum, die über Schönheit gebietende Halbgöttin, Heidi, die Mutter von vier Kindern, glücklich verheiratet und sogar auf den Oscars verehrt, in den USA der deutsche Schlager – nun, daheim gilt sie nichts, das Model, das so recht wohl nie eins war.
Eigentlich hat sie doch niemand was getan. Gut, da ist ihre Stimme, die selbst einem Thomas Gottschalk die Schweissperlen ins Gesicht treibt, und ja, da ist „Germany´s next Topmodel“, ein Fernsehtraum, der trotz Echo-Preisverleihung bei den Öffentlich-Rechtlichen den Privaten noch 19 Prozent Einschaltquote bringt – wen stört es, dass das Format ein gut erzähltes Märchen ist, vom Mädchen, das auszog, das Modeln zu lernen. Und von dem dabei Dinge verlangt werden, die auf keinem Laufsteg der Welt üblich sind, doch woher soll Heidi das wissen, auf den Wichtigen war sie nie, „ich kenne Sie nicht, sie war nie in meiner Schau“, ätzt Karl Lagerfeld, „Claudia kennt die auch nicht, die war nie in Paris“ – warum auch? Sounds like a personal problem, Karl! „Wer ist eigentlich Karl? Karl Who?“ war ihre Antwort. Touché! Seit wann ist es eine Sünde, nicht für Chanel gelaufen zu sein? Und trotzdem hämt die Republik.
Es ist ein Seltsames an den Deutschen, dass sie die, die sie verehren, plötzlich fallenlassen und auf sie einhauen, als würden sie sich selbst nicht verzeihen, einmal so begehrt zu haben. „Yet each man kills the thing he loves“ bemerkte Oscar Wilde einst, und genauso ist es, zumindest in Deutschland. Da ist Herr Joop - wer ist eigentlich Wolfgang Joop, in Amerika reüssierte er nie und ein Weltstar ist er auch nicht, auch wenn sein „Wunderkind“ als einziges deutsches Label in Paris zugelassen ist auf den Schauen – der unaufgefordert „ich weiss nicht, was an Heidi echt ist“ zu Protokoll gibt – aber wer hat denn je verlangt, im Blitzlichtgewitter echt zu sein?
Heidi Klum, eine Mischung aus „Yes we can!“ und „Du bist Deutschland“? Möglich ist es.
Dass sie zu ihren Fältchen steht, „die habe ich eines Morgens entdeckt, und gleich eine neue Kosmetiklinie aufgelegt“ – wer könnte das schon, aus dem Stand, und gehen Lagerfeld oder Wolle Joop – eigentlich nicht im gleichen Atemzug zu nennen - so offen mit ihrem Alter um?
Sie hat vier Kinder, sie hat eine, so scheint es, glückliche Ehe, sie kriegt noch ne eigene Karriere hin – was sagt eigentlich Frau von der Leyen zu so einer selbstbewussten jungen Frau, die ihr Leben und ihre Laufbahn so gut im Griff hat und auch noch ein tolles, schönes Familienleben hinkriegt? Wer einmal gesehen hat, wie Heidi ihre drei Monate alte Lou im Arm trägt und ihr Gesicht vor den Paparazzi schützt, der kann an dieser Harmonie nicht ernsthaft zweifeln. Klar, hier, in den USA, da wird Karriere gemacht wie selten, da wartet eine Lizenz für Umstandskleidung, da wartet Victoria´s Secret, denen es egal ist, ob Heidi ein paar Pfunde mehr drauf hat, da wartet dieser diamantbesetzte BH für mehrere Millionen einer Währung Ihrer Wahl.
Sind die Deutschen nicht fähig zur Abstraktion? Ist da etwa kollektive Verbitterung? Weltschmerz gar? Was bitte macht denn ein Mädchen, die entdeckt wird und dem plötzlich alle Türen offen stehen, einfach, weil sie schön ist? Welche andere Frauenrolle kann denn ähnlich schnell besetzt werden? Heidi als Bundeskanzlerin? In den USA liebt man solche Geschichten, es ist ein Abklatsch der Gesellschaftsblätter, Erfolg macht sexy, jeder New Yorker Taxifahrer freut sich mit dem Fahrgast, wenn der ein gutes Geschäft abgeschlossen hat, Neid kennt die US-amerikanische Gesellschaft so nicht.
Und sie selbst? Sie scheint das alles eher gelassen zu sehen, und sie weiss, dass ihr Volk jede Sekretärin ausspäht, ob die etwa schon wieder neue Schuhe hat. Wenn, dann ist es ein stilles Leid, dass Heidi hat oder eins, über das sie längst hinweg ist. Die Kleingeister, die Kleinbürger, die Kleinmütigen, die ja so gern auch mal ein Star wären und ihr jeden Atemzug neiden. Und GNTM ist da das Ventil, für die Mädchen, die etwas gerade gewachsen sind und glauben, die nächste Auermann zu sein.
Dass Heidi Klums Atemzüge einem den Atem stocken lassen, wenn sie auf dem roten Teppich wieder einmal einherschwebt, dass sie bislang in der Wahl ihrer Garderobe guten Geschmack gezeigt hat – man denke nur an die Oscarnacht, ihr Kleid aus schwarzem Seidenmoirée und die Rivière aus Diamanten? In echt war es nur aufgestickter Strass – aber wir sprechen von einer Mutter und Ehefrau im Stress. Wir sprechen von einer vierfachen Mutter.
Dass sie mit einem rotlogo-verzierten Blatt nicht spricht, nicht sprechen will, weil sie sich auf dieses Niveau nicht herablassen will, wer wollte ihr das verdenken? Wo steht denn geschrieben, dass man sich erst hochschreiben lassen muss, um bald darauf wieder niedergeschrieben zu werden? Verehren, Fallenlassen, Draufhaun. Made in Germany.
Und damit das nicht passiert, gibt es ihren Vater Günther, der so ziemlich alles regelt und schon mal nen Hartz-IV-Empfänger verklagt, der Heidis Lippen (!) abfotografiert hat (!!), um eine Collage zum persönlichen Gebrauch zu machen (!!!). Der Zweck Heidi Klum heiligt die Mittel, die Gesichter der Kinder müssen in deutschen Blättern immer gepixelt werden – in den USA gilt dieses Reglement natürlich nicht. Sie hat es auf das Titelblatt des Wirtschaftsmagazins Forbes gebracht, ihre Einnahmen wurden 2006 schon auf 7,5 Millionen pro Jahr geschätzt, in einer Währung Ihrer Wahl.
Natürlich macht sich so eine Frau Feinde, ihren Ex-Kollegen, Amin Peymann etwa, den sie offenbar kalt abserviert hat: „Als ihr Modelagent machte ich sie in Deutschland bekannt und verschaffte ihr 1999 den ersten Auftritt bei ‘Wetten, dass…?’”, erzählte Amin der “BamS”. “Da war Heidi zwar in den USA ein Star, aber in Deutschland nicht interessant. Diese gemeinsame Zeit mit einem Satz in einer E-Mail zu beenden, ist nicht sehr freundschaftlich.” Im Chat schreibt er etwas verbitterter „Ich amüsiere mich köstlich :)“ – Hauptsache in den Medien, Hauptsache noch beim Gefeuertwerden bemitleidet – und Heidis Ruhm auch noch mitbenutzt. Wer sagt, dass man solche Leute nicht als Feinde will?
Im Jahr 2002 bringt der Inselstaat Grenada eine Heidi-Klum-Briefmarke heraus, eine Ehre, die ihr wohl so schnell niemand nachmacht. Sie ist eine Deutsche, sie ist eine von uns. Kann man da nicht einfach mal applaudieren?
Heidi Klum vereint die so selten gewordene Air mit Anstand, und schon in ihrer Botschafterfunktion in den USA ist sie der Inbegriff einer deutschen Frau, die für ihre Leistung respektiert wird. Eine ähnliche Einstellung ist von deutschem Publikum selten zu erwarten. Wir leben in einer schnelllebigen Medienwelt, da muss Skandal und Rachsucht her. GNTP ist ja Teil einer Dramaturgie, und auch die Klum ist ein Teil von ihr – Shows in diesem Format laufen so.
„Meine Karriere ist am Ende“? Das, liebe Frau Klum, wollen wir doch nicht hoffen. Deutschland braucht sie. Und die Welt. Und es kostet Sie nur ein Lächeln.
HARALD NICOLAS STAZOL
http://gare-des-robes.net/
merci pour votre confidance, HNS, Lord Darlington
Der Ort: Paris. Der Anlass: die Haute-Couture-Schau des Hauses Dior. Der Star: John Galliano, das enfant terrible der internationalen Modeszene. Dass Mode und Psyche in engem Zusammenhang stehen, hat wohl niemand so genau begriffen wie der englische Couturier. Rockmusik läuft in ohrenbetäubender Lautstärke über den Laufsteg, kleine Wasserflächen, umgeben von seidenen Boudoirs sehen aus wie ein Wellness-Bad aus einer Freudianischen Vision, die Kreationen sind bunt und üppig, viel Stickerei, viel Brokat, ein Höchstmass an Eleganz. Da will jemand wirken. Da geht es um Gefühle – in den Worten von Galliano: „Haute Couture ist der Platz der Träume.“ Die Hauptfragen aber sind: Wird das Publikum überzeugt oder nicht? Fällt die Schau durch vor der ersten Reihe, in der die gesamte internationale Modewelt sitzt, jene Machthaber auflagenstarker Publikationen, die Käufer der grossen Kaufhäuser, der versammelten Journalisten?
Mode muss überzeugen, Mode, das ist eine Tatsache, richtet sich direkt an psychische Grundtendenzen - sie soll Emotionen hervorrufen, möglichst nachhaltig, nach Möglichkeit einen Hype verursachen, den Wunsch erwecken: Das will ich, das muss ich haben. Der Couturier Valentino drückt das so aus: „Die Frauen heute wollen einen Anzug, den sie auch noch in zwei Jahren tragen können. Nichts ist leichter, als eine Kundin zu verlieren, weil sie findet, dass ihre Kleider zu schnell ausser Mode sind.“ Der Druck der Industrie ist also enorm. Die Haute Couture ist der Indikator für einen durchschlagenden Trend, sie wird sofort kopiert von den billigeren Multis wie H&M und Zara, sie wird gewissermassen demokratisiert, nach unten durchgereicht, in allem, den Schnitten, den Farben, der Verarbeitung. Galliano: „Ich sehe einen Ort für Couture genauso wie für GAP.“ Und wenn Karl Lagerfeld diese Saison in Silbermoiré für Chanel macht, sickert das bis zur Streetwear und dem Casual Look durch, wie der Designer bestätigt: „Ich mache nichts, als auf die Strasse zu gehen, das ist das Modern Life.“ Und dann von dort, den Trendsettern auf der Strasse, vor allem in den Modemetropolen Paris, London und New York, wird der Trend wieder aufgefangen und schlägt als Impuls erneut nach oben durch. Tom Ford, einst Chef von Gucci, pflichtet Lagerfeld bei: „Ich gehe in alle Geschäfte. In jeden Club, den man sich vorstellen kann, um genau zu sehen, was gerade los ist.“ Und der inzwischen verstorbene Gianfranco Ferré, ein Mann, der vor seinem Modeschaffen Architekt war, sagte einst: „Ich liebe es, mir Leute anzusehen, wie sie aussehen. wie sie sich anziehen. Sie sehen so frei aus, als wären sie von niemandem beeinflusst…“
Das war nicht immer so. Erst im siebzehnten Jahrhundert, nach dem Zusammenbruch der Ständegesellschaft, orientiert sich das erstarkende Bürgertum hauptsächlich am Adel, der traditionellen Oberschicht (das ging makabererweise soweit, dass die reichen Bürger Frankreichs nach der Revolution 1789 Perücken trugen, die aus den Haaren der enthaupteten Aristokratie bestanden…). Es ist die Geburtsstunde der Mode - und ihr Antrieb ist die Psyche. Allerdings hat sich seit damals im Konsumverhalten einiges geändert. Der Soziologe Niklas Luhmann formuliert das in seinem Buch “Die Realität der Massenmedien” so: Inzwischen gibt „es keine überzeugende Oberschicht mehr, an der man ablesen könnte, ´was geht´und ´was nicht mehr´geht.“ Diese allumfassende Macht hat nun der Modeschöpfer. Eine beispielhafte Selbsteinschätzung: „Mode muss“, sagt Yves Saint Laurent, „um Mode zu sein, einen universalen Anspruch haben.“ Mit anderen Worten: Die Mode durchdringt jeden Lebensbereich. Das Wohlbefinden der Käuferinnen, die entscheiden, was sie mitmachen, und was nicht. Oder, wie der junge amerikanische Designer Michael Kors es ausdrückt: „Frauen kauften hauptsächlich aus Wunsch nach Entertainment. ´Hab ich den Blues? Los, ich kauf mir neue Kleider.´ Das hat sich geändert. Frauen brauchen Kleider, in denen sie leben können.“
Der Trend geht direkt in die Werbung, ja, die Mode ist die Werbung, man bewirbt die Gefühlswelt der Konsumentinnen, durch Anzeigenkampagnen, durch Modeblätter, hochglanzverpackt und trendy, eine Augenweide in einer betonierten Welt des Alltags, wie Luhmann schreibt: Die latente Funktion der Werbung besteht darin, “Leute ohne Geschmack mit Geschmack zu versorgen. Für einen hinreichend grossen Kreis wirkt Mode selbstmotivierend. Mit der Mode zu gehen, und zwar möglichst früh, gilt fast wie ein Zwang”. Das „Bündnis von schönem Schein und kurzer Dauer ist Thema der europäischen Diskussion.“
Man kann sich der Mode kaum entziehen, und immer wieder wird die Message verbreitet: “Wenn Du dies kaufst, fühlst Du Dich besser, Dein Marktwert steigt, Du wirst individueller, bist dem Trend voraus.” Das sind direkte Appelle an die ganz persönliche Wunschwelt, getragen von einem Riesenapparat von Public Relation – und da wäre schon allein die Kultur der Topmodels und Starfotografen, die wie kaum ein anderes Phänomen unsere Erlebniswelt und unser ästhetisches Grundempfinden definieren. Die Botschaft? Sie ist fast schon religiös - es gibt wohl mehr Abbildungen von Kate Moss oder Claudia Schiffer als Marienbilder, sie sind allgegenwärtig in den Massenmedien, sie verheissen: Wo soviel Schönheit möglich ist, ist die Welt noch in Ordnung. Wenn Carla Bruni mit Nicolas Sarkozy, immerhin dem Präsidenten der Franzosen, poussiert, ist das eine Nachricht für die Massenmedien, und ohne die eine Verbreitung der Mode gar nicht möglich wäre. Es ist müssig, daran zu erinnern, das die saisonale Neuausrichtung der Modewelt und des Zwangs, immer den letzten Schrei zu besitzen, eine künstliche Inszenierung der Industrie ist, die sie sich Anfang der Fünfziger Jahre einfallen liess, um den Verkauf anzukurbeln: Eine Taktik, grossflächig in die Hirne der Verbraucher einzufliessen und einen künstlichen Mehrbedarf zu schaffen, der bis heute anhält. Luhmann: „Obwohl Mode, was zum Beispiel Farbskalen betrifft, mehrere Jahre im Voraus geplant werden muss, erscheint sie erst am Objekt, und dann hat man nur wenig Zeit, sich zu informieren.“ Also reagiert man auf den Kaufanreiz kurzfristig und direkt, genau, was die Werbung will.
Auch die Soziologin Elena Esposito hat diese Erscheinung erschöpfend behandelt, in ihrem Standardwerk “Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden: Paradoxien der Mode”: “Wer sich an einer bestimmten Mode orientiert, findet diese schlicht schön, ohne über den, im Übrigen wohlbekannten, Sachverhalt zu reflektieren, dass (die Mode) nur kurz vorher nicht gefallen hätte und in Kürze nicht mehr gefallen wird.” Der Wunsch, als Individuum zu gelten, anders zu sein als die anderen, hebt sich selbst auf - wo alle anders sein wollen als die Anderen, werden alle immer gleicher. Man erinnere sich an die plötzlich aufkommende Tendenz junger Frauen, Röhrenjeans zu hohen Stiefeln zu tragen: Erst eine vereinzelte Erscheinung in den Grosstädten, hat sich der Hype inzwischen derart verbreitet, dass man in der City von Hamburg, von München, von Köln kaum noch andere Kombinationen sieht. Elena Esposito dazu: “Im Zeitalter der Moderne strebt man das Neue an, und dies erfordert Erfindungsgeist und Vorstellungskraft; man ahmt nicht dauerhafte Vorbilder nach, sondern paradoxerweise das, was sich als abweichend und andersartig darbietet”. Mit anderen Worten: Wenn John Galliano seine neueste Kollektion vorstellt und diese massenmedial verbreitet wird, erwartet die Industrie gleichsam eine Durchsetzungskraft des Trends, solange, bis er, unendlich kopiert, unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht. Esposito: “Die Mode ist ein überwiegend öffentliches Phänomen…” Und weiter: “Prestige basiert nun nicht mehr auf Herkunft, sondern auf dem geheimnisvollen Anspruch auf Originalität, der ganz andere Anforderungen stellt.” Auch die Designer haben dies natürlich längst erkannt – wie etwa Yves Saint Laurent: „Ich will Teil der Avant-Garde sein, etwas Neues und Interessantes tun.“ Oder wie Giorgio Armani es ausdrückt: „Mein Geheimnis ist es, Dinge zu machen, die einer Traumwelt entstammen“ – da ist es also wieder, das freudianische Feld der Träume – „Dinge, die man nicht jeden Tag vor sich hat. und die Hauptfrage ist: Was kommt als nächstes?“ Und Tommy Hifiger gibt zu Protokoll: „Wir kreiren die Trends und machen sie wichtig für die Modewelt.“ Alexander McQueen sagt: „Im Avant-Garde-Segment geht es nur um Innovation!“ Nur Calvin Klein tanzt mit seiner Meinung ein wenig aus der Reihe: „Es gibt keine Modezaren mehr. Niemand kann mehr für Saison zu Saison den Stil diktieren…“ Worin ihm wiederum Christian Lacroix widerspricht: „Ich will, dass man mir folgt!“
Man zieht an, worin man sich wohlfühlt. Und schon wieder wirkt die Mode direkt auf die Psyche, wenn auch wohl eher unbewusst. Wie das morgendliche Ritual etwa vor dem Gang ins Büro, sei es das etwas speziellere Kostüm, seien es die hochhackigen Schuhe oder den kuscheligen Pullover auszusuchen. Und immer wieder hört man vor den Kleiderschränken der Republik den Schrei, die Überzeugung: „Ich habe nichts anzuziehen” - was natürlich reiner Quatsch ist und die Übermacht der Trendsetter und Konsumwelten demonstriert.
Und natürlich hat so die Psyche auch eine Auswirkung auf die Mode. Der Amerikaner Ralph Lauren sieht das so: „Die Leute sollten so sein, wie sie sind, und der einfachste Weg sich auszudrücken, sind Kleider. Ich liebe das unmodische Modegirl – ein Mädchen mit genug Autorität, sehr streng geschnittene Kleider feminin zu tragen. Ich habe schon immer den Look alter englischer Herren gemocht, die sich mit Klasse und Stil anzogen, aber so taten, als wäre ihnen das egal.“ Die Soziologin Elena Esposito führt dazu aus: „Man beobachtet sich, indem man beobachtet, wie man beobachtet wird“ – eigentlich schon ein Beweis der Wirkung der eigenen Psyche auf das Modeverhalten. Denn: „Das Urteil über den Wert des Geschmacks ist zugleich ein Anzeichen für den Wert desjenigen, der das Urteil ausspricht.“ Die grösste Gefahr dabei ist „dem Lächerlichen anheimzufallen als einem Anzeichen für die falsche Koordination zwischen der Beobachtung der anderen und seiner Beobachtung ihrer Beobachtung“ – soll heissen: Wer das Falsche anzieht, ist erstmal unten durch. Das Selbstbild, das eine Person von sich hat, ist also gewissen Grenzen unterworfen. Es handelt sich um „intime Interaktionen – unerschöpfliche Quelle von Schwierigkeiten, Neurosen und Frustrationen.“ Der Geschmack wird „mit jeglichen damit in Zusammenhang stehenden Schwierigkeiten auf allen Ebenen der Gesellschaft zu einem individuellen Problem.“
Bill Blass, ein sehr berühmter amerikanischer Modedesigner bis zu seinem Tod 2002, sah das Ganze schon 1964 etwas lockerer: „Zu glauben, die Mode habe nur eine einzige Richtung, ist ganz falsch. Wir haben jetzt seit zwei Dekaden in zwei Looks existiert, dem von Chanel und dem von Balenciaga. Es sollte mehrere akzeptable Möglichkeiten geben, sich anzuziehen. Vielleicht ist der New Look ein No Look.“ Auch Valentino gibt ein bisschen Entwarnung. Seiner Ansicht nach sollte die Garderobe einer Frau „zwei Morgen-Outfits, ein paar Dreiteil-Ensembles und einen Anzug oder ein Cocktailkleid“ umfassen. Und der Amerikaner Arnold Scaasi wird ganz psychologisch: „Heute sehen die Frauen gleich aus, und die Wohnungen sind unterschiedlich. Früher sahen die Wohnungen gleich aus, und die Menschen waren unterschiedlich. Wenn man die Massanfertigung macht, ist man schon so etwas wie ein Psychologe – man sieht die Kundin fast nackt, physisch wie psychisch. Eine grosse Verantwortung, kann ich ihnen sagen.“ Und so bleibt nur das Schlusswort der Soziologin Elena Esposito: „Hieraus erklärt sich die unwiderstehliche, einschliessende Kraft der Mode, die sowohl diejenigen einbezieht, die sich nach ihr richten, als auch diejenigen, die sich ihr widersetzen.“
HARALD STAZOL