Harald Nicolas Stazol
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dfma cont.

August 2, 2010 on 10:37 pm | In CONVERSATIONS, CULTURAL FASHION, Die Fülle meiner Affairen | No Comments

Tut-anch-amun
„Von seiner Herkunft wissen wir nichts“, schreibt sein Entdecker, Howard Carter, „nur, dass er lebte, und dass er begraben wurde“ — so tief verborgen ist uns jener Kindpharao, der schon mit achtzehn starb. Als Schwiegersohn und Nachfolger Echnatons auf den Thron gekommen, ein unmündiger Junge, hat er die schwere Aufgabe der Restauration des Landes zum alten Glauben. Er gibt die Hauptstadt seines Vaters auf und verlegt den Hof zurück nach Theben. Auf einer seiner Stelen im Karnak-Tempel schreibt er: „Ich gründe die ruinen-zerfallenen Tempel neu, die umgestürzten Heiligtümer, ihre zugewucherten Höfe.“ Er ändert seinen Geburtsnamen von Tut-anch-Aton zu Tut-Anch-Amun. Sein Goldschatz überstrahlt alles Unwissen, er macht ihn uns so „überraschend vertraut“. Er hat die Jagd geliebt im Schilf, Pfeil und Bogen gab man ihm mit ins Grab, und drei vergoldete Jagdwagen. Die Sammlung seiner prächtigen Halsketten, seiner Ringe und Armreifen läßt den verwöhnten Jüngling als prunkliebend erscheinen. Einen Papyrusstock gab man ihm mit für das Jenseits, golddrahtumwickelt, „geschnitten von seiner Majestät eigener Hand“. Und auf einem allerliebsten Thronsessel aus purem Gold und blauer Fayence ist er zu sehen, ein schmaler Knabe, wie er von seiner Gattin Anchesenpaten zärtlich gesalbt wird. Sie ist es, die seiner Mumie den schönsten Schmuck des Grabes mitgibt: Ein Sträußchen aus Olivenblättern, Lotosblättern und Kornblumen. Tut-Anch-Amun ist der einzige Pharao, dessen Mumie weiter ungestört in ihrer Grabstätte schlafen darf.
Kleopatra

Die Heidi-Klum-Kurve

March 16, 2010 on 7:19 pm | In CONVERSATIONS, CULTURAL FASHION, DAS TAGEBUCH DES LETZTEN DANDYS, DIARY AND EVENTS, ESSAY, MODE UND LIVESTYLE, POLITICS, REPORTAGE, SPECIALS | No Comments

Ein Piercing wird zum Pièce de Resistance, zum Stein des Anstosses, Heidi Klum nimmt Anstoß daran, und als das Möchtegern-Model-Mädchen sagt, sie, Heidi, selbst hätte doch auch ein Tattoo, sagt Heidi jenen Satz. Einen Satz, den man kaum glauben kann. Sie redet vom Ende ihrer Karriere, das nun erreicht sei, und eine Nation hält den Atem an. Gerade hat sich noch der Boulevard auf sie eingeschossen, immer nur zerrt die Presse am Image – Deutschland liebt seine Heidi nicht mehr. Die neueste Staffel von „Germany´s Next Topmodel“ – es könnte Heidi´s letzte sein. In Deutschland. In ihrer Wahlheimat USA ist die Karriere noch lange nicht beendet, man hört von einigen, sicher gewinnbringenden Projekten, man hat keinen Zweifel daran, Heidi wird weitermachen, und wenn sie 2015 eine Home Interior Linie aufmacht. Man muss sich um sie keine Sorgen machen. Sie hat bereits einen Plan, soviel ist sicher. Und vielleicht war´s ja auch nur ein PR-Gag, um wieder in die Schlagzeilen zu geraten. Aber Deutschland macht sich gerne Sorgen.
Wäre sie ein Container, die Deutschen würden sie lieben: Heidi Klum, Exportweltmeisterin ihres unbestrittenen Talents, sich ungestüm selbst zu vermarkten, Heidi Klum, die über Schönheit gebietende Halbgöttin, Heidi, die Mutter von vier Kindern, glücklich verheiratet und sogar auf den Oscars verehrt, in den USA der deutsche Schlager – nun, daheim gilt sie nichts, das Model, das so recht wohl nie eins war.
Eigentlich hat sie doch niemand was getan. Gut, da ist ihre Stimme, die selbst einem Thomas Gottschalk die Schweissperlen ins Gesicht treibt, und ja, da ist „Germany´s next Topmodel“, ein Fernsehtraum, der trotz Echo-Preisverleihung bei den Öffentlich-Rechtlichen den Privaten noch 19 Prozent Einschaltquote bringt – wen stört es, dass das Format ein gut erzähltes Märchen ist, vom Mädchen, das auszog, das Modeln zu lernen. Und von dem dabei Dinge verlangt werden, die auf keinem Laufsteg der Welt üblich sind, doch woher soll Heidi das wissen, auf den Wichtigen war sie nie, „ich kenne Sie nicht, sie war nie in meiner Schau“, ätzt Karl Lagerfeld, „Claudia kennt die auch nicht, die war nie in Paris“ – warum auch? Sounds like a personal problem, Karl! „Wer ist eigentlich Karl? Karl Who?“ war ihre Antwort. Touché! Seit wann ist es eine Sünde, nicht für Chanel gelaufen zu sein? Und trotzdem hämt die Republik.
Es ist ein Seltsames an den Deutschen, dass sie die, die sie verehren, plötzlich fallenlassen und auf sie einhauen, als würden sie sich selbst nicht verzeihen, einmal so begehrt zu haben. „Yet each man kills the thing he loves“ bemerkte Oscar Wilde einst, und genauso ist es, zumindest in Deutschland. Da ist Herr Joop - wer ist eigentlich Wolfgang Joop, in Amerika reüssierte er nie und ein Weltstar ist er auch nicht, auch wenn sein „Wunderkind“ als einziges deutsches Label in Paris zugelassen ist auf den Schauen – der unaufgefordert „ich weiss nicht, was an Heidi echt ist“ zu Protokoll gibt – aber wer hat denn je verlangt, im Blitzlichtgewitter echt zu sein?
Heidi Klum, eine Mischung aus „Yes we can!“ und „Du bist Deutschland“? Möglich ist es.
Dass sie zu ihren Fältchen steht, „die habe ich eines Morgens entdeckt, und gleich eine neue Kosmetiklinie aufgelegt“ – wer könnte das schon, aus dem Stand, und gehen Lagerfeld oder Wolle Joop – eigentlich nicht im gleichen Atemzug zu nennen - so offen mit ihrem Alter um?
Sie hat vier Kinder, sie hat eine, so scheint es, glückliche Ehe, sie kriegt noch ne eigene Karriere hin – was sagt eigentlich Frau von der Leyen zu so einer selbstbewussten jungen Frau, die ihr Leben und ihre Laufbahn so gut im Griff hat und auch noch ein tolles, schönes Familienleben hinkriegt? Wer einmal gesehen hat, wie Heidi ihre drei Monate alte Lou im Arm trägt und ihr Gesicht vor den Paparazzi schützt, der kann an dieser Harmonie nicht ernsthaft zweifeln. Klar, hier, in den USA, da wird Karriere gemacht wie selten, da wartet eine Lizenz für Umstandskleidung, da wartet Victoria´s Secret, denen es egal ist, ob Heidi ein paar Pfunde mehr drauf hat, da wartet dieser diamantbesetzte BH für mehrere Millionen einer Währung Ihrer Wahl.
Sind die Deutschen nicht fähig zur Abstraktion? Ist da etwa kollektive Verbitterung? Weltschmerz gar? Was bitte macht denn ein Mädchen, die entdeckt wird und dem plötzlich alle Türen offen stehen, einfach, weil sie schön ist? Welche andere Frauenrolle kann denn ähnlich schnell besetzt werden? Heidi als Bundeskanzlerin? In den USA liebt man solche Geschichten, es ist ein Abklatsch der Gesellschaftsblätter, Erfolg macht sexy, jeder New Yorker Taxifahrer freut sich mit dem Fahrgast, wenn der ein gutes Geschäft abgeschlossen hat, Neid kennt die US-amerikanische Gesellschaft so nicht.
Und sie selbst? Sie scheint das alles eher gelassen zu sehen, und sie weiss, dass ihr Volk jede Sekretärin ausspäht, ob die etwa schon wieder neue Schuhe hat. Wenn, dann ist es ein stilles Leid, dass Heidi hat oder eins, über das sie längst hinweg ist. Die Kleingeister, die Kleinbürger, die Kleinmütigen, die ja so gern auch mal ein Star wären und ihr jeden Atemzug neiden. Und GNTM ist da das Ventil, für die Mädchen, die etwas gerade gewachsen sind und glauben, die nächste Auermann zu sein.
Dass Heidi Klums Atemzüge einem den Atem stocken lassen, wenn sie auf dem roten Teppich wieder einmal einherschwebt, dass sie bislang in der Wahl ihrer Garderobe guten Geschmack gezeigt hat – man denke nur an die Oscarnacht, ihr Kleid aus schwarzem Seidenmoirée und die Rivière aus Diamanten? In echt war es nur aufgestickter Strass – aber wir sprechen von einer Mutter und Ehefrau im Stress. Wir sprechen von einer vierfachen Mutter.
Dass sie mit einem rotlogo-verzierten Blatt nicht spricht, nicht sprechen will, weil sie sich auf dieses Niveau nicht herablassen will, wer wollte ihr das verdenken? Wo steht denn geschrieben, dass man sich erst hochschreiben lassen muss, um bald darauf wieder niedergeschrieben zu werden? Verehren, Fallenlassen, Draufhaun. Made in Germany.
Und damit das nicht passiert, gibt es ihren Vater Günther, der so ziemlich alles regelt und schon mal nen Hartz-IV-Empfänger verklagt, der Heidis Lippen (!) abfotografiert hat (!!), um eine Collage zum persönlichen Gebrauch zu machen (!!!). Der Zweck Heidi Klum heiligt die Mittel, die Gesichter der Kinder müssen in deutschen Blättern immer gepixelt werden – in den USA gilt dieses Reglement natürlich nicht. Sie hat es auf das Titelblatt des Wirtschaftsmagazins Forbes gebracht, ihre Einnahmen wurden 2006 schon auf 7,5 Millionen pro Jahr geschätzt, in einer Währung Ihrer Wahl.
Natürlich macht sich so eine Frau Feinde, ihren Ex-Kollegen, Amin Peymann etwa, den sie offenbar kalt abserviert hat: „Als ihr Modelagent machte ich sie in Deutschland bekannt und verschaffte ihr 1999 den ersten Auftritt bei ‘Wetten, dass…?’”, erzählte Amin der “BamS”. “Da war Heidi zwar in den USA ein Star, aber in Deutschland nicht interessant. Diese gemeinsame Zeit mit einem Satz in einer E-Mail zu beenden, ist nicht sehr freundschaftlich.” Im Chat schreibt er etwas verbitterter „Ich amüsiere mich köstlich :)“ – Hauptsache in den Medien, Hauptsache noch beim Gefeuertwerden bemitleidet – und Heidis Ruhm auch noch mitbenutzt. Wer sagt, dass man solche Leute nicht als Feinde will?
Im Jahr 2002 bringt der Inselstaat Grenada eine Heidi-Klum-Briefmarke heraus, eine Ehre, die ihr wohl so schnell niemand nachmacht. Sie ist eine Deutsche, sie ist eine von uns. Kann man da nicht einfach mal applaudieren?
Heidi Klum vereint die so selten gewordene Air mit Anstand, und schon in ihrer Botschafterfunktion in den USA ist sie der Inbegriff einer deutschen Frau, die für ihre Leistung respektiert wird. Eine ähnliche Einstellung ist von deutschem Publikum selten zu erwarten. Wir leben in einer schnelllebigen Medienwelt, da muss Skandal und Rachsucht her. GNTP ist ja Teil einer Dramaturgie, und auch die Klum ist ein Teil von ihr – Shows in diesem Format laufen so.
„Meine Karriere ist am Ende“? Das, liebe Frau Klum, wollen wir doch nicht hoffen. Deutschland braucht sie. Und die Welt. Und es kostet Sie nur ein Lächeln.
HARALD NICOLAS STAZOL

kleiner kenner-tip für stylisten…

March 4, 2010 on 8:40 pm | In CULTURAL FASHION, DIARY AND EVENTS, GUESTS, MODE UND LIVESTYLE | No Comments

http://gare-des-robes.net/

merci pour votre confidance, HNS, Lord Darlington

Dem neuen Roman von John Grisham “The Associate”, wenn ich nicht irre…

February 4, 2010 on 12:38 pm | In CONVERSATIONS, CULTURAL FASHION, DAS TAGEBUCH DES LETZTEN DANDYS, DIARY AND EVENTS, ESSAY, SPECIALS | No Comments

…entnehme ich, dass die Amerikaner Pläne für einen Stratosphärenbomber haben, der innerhalb der Atmosphäre beschleunigt, um dann ausserhalb der Stratosphäre die Atmosphäre als Sprungkissen zu benutzen. Der Flieger ist nicht zu orten oder abzuschiessen, in dieser Höhe, unmöglich. Innerhalb von 24 Stunden kann er überall auf der Welt zuschlagen und zurückfliegen, ohne aufzutanken. Im Buch kostet die Anschaffung 800 Milliarden.

Die Handlung des Romans ist wieder - wie bei Grisham nicht anders - alas! Hèlas! - zu erwarten - in der Welt der Anwaltskanzleien angesiedelt, ein junger Mann, Kyle, wird erpresst, zum Spion zu werden. Grisham packt von der ersten Seite an und man lernt eine Menge über die Perfidie der US-amerikanischen Gesellschaft, komplett mit süchtigem Millionärssöhnchen. So gut muss einer erstmal stricken können!

berlin revisited

December 16, 2009 on 3:00 pm | In CULTURAL FASHION, DIARY AND EVENTS, ESSAY, LIVESTYLE, Lord Harald Nicolas Stazol, SPECIALS | No Comments

auf dem booklaunch von esther haases buch rock´n´old im department store quartier 206, sybilla pavenstedt trägt grün, kaufe rotes smythson notizbuch mit dem wort top secret auf dem roten ledereinband, die nur dort noch zu haben sind, schon queen victoria benutzte sie, ungeahnt viele blaue seiten aus banknotenpapier mit wasserzeichen, liniert. man kann das buch rollen und falten seit 1890, es ist handgebunden und der einband wird besser mit der zeit. zum cheltenham-rennen keine zeit, dann in die modelsuite, sehr schön, auguststrasse 48, hotel amano, mon favourit, in dem mein favori logiert, schöne bar. die menschen sonst auf der strasse entsetzlich gekleidet und die u2 in inakzeptabel enger sitzanordnung, empfehle taxi und das alhambra nahe der eberswalder strasse, wasserpfeife auf divan und lammkoteletts libanesisch, gutes publikum. f.c. gundlach im gropiusbau verpasst, dafür nofretete im neuen museum besucht, nochmal dank an david chipperfield. übrigens: die österreicher ziehen ins norwegerviertel, bauen schlafkojen in grosse ateliers und tragen schiebermützen (!). sie besuchen jazzkonzerte und sind selten ohne holzbrett und bohrmaschine anzutreffen. doch die hauptstadt irgendwie, scheint´s. fulminant, bzw.: donnerwetter!

dunhill and the george

November 23, 2009 on 4:30 pm | In CULTURAL FASHION, DIARY AND EVENTS, LIVESTYLE, Lord Harald Nicolas Stazol | No Comments

Na, das war doch mal wirklich ein gepflegter sonntagnachmittag, finde ich: ein paar freunde am besten tisch, ein “schön, dass du da bist” vom veranstalter, 18 teesorten, ein glühender samowar, wundervolle cigs (mein favorit, die schwarzen fine cut) - und ein anlass, mein schottisches nightwatch-sakko (der name des karos, nomen est omen) herauszuholen. viel tweed, eine bomberjacke (o tempora, o mores!), schicke kleider, nette männer, hübsche holde, gute gespräche und die auffrischung des ein oder anderen kontakts - fehlte eigentlich nur noch der britische premier, aber man kann ja nicht alles haben…

ego und mladen solumun

November 16, 2009 on 7:07 pm | In CULTURAL FASHION, DIARY AND EVENTS, LIVESTYLE | No Comments

tja, da gibt es also diesen club in der talstrasse zu hamburg, in dem einer der besten dj´s der stadt, mladen solumun, auflegt (da ich nichts von jener musikrichtung verstehe, richte ich mich nach den aussagen eines meiner kundigen jungen freunde) - was gibt es zu sagen? dass er cool eingerichtet ist, dass die blauen neonröhren an der decke im rhythmus leuchte, dass die bar sogar kirschsaft bietet, dass das treppenhaus auf zwei stockwerken mit zauberstäben und wandbedeckendem lauftext versehen ist (ein kunstwerk), dass manche jungs zuviele muckis haben und einen im gedränge schon mal anrempeln, dass der flirtfaktor hoch ist, dass die mädchen sehr hübsch sind, und dass man am besten so gegen 1.30 uhr auftaucht. ego, a must, perhaps.

Hedi Slimane

September 8, 2009 on 7:15 pm | In CONVERSATIONS, CULTURAL FASHION, ESSAY, MODE | No Comments

Einer der unzweifelhaft tragischsten Tage meines Lebens, und glauben Sie mir, es gab derer so einige, war der Tag, als ich meine schneeweisse, hautenge Jeans von Christian Dior im Atelier der mit mir befreundeten Künstlerin Tina Oelker mit (immerhin) weisser Acrylfarbe beschmierte - die Jeans, für die sich Karl Lagerfeld auf die Dimensionen eines  Strichmännchens heruntergehungert hatte, wie man den Medien entnahm, weil sie die Signatur und unverwechselbare Handschrift des vielleicht grössten Modedesign-Newcomers des letzten Jahrzehnts trugen: Hedi Slimane.

Ich weiss noch, wie ich mich gefreut hatte, die Hose mit dem winzigen Emblemchen (wir sprechen von 50 Milimetern) in Silber mit dem CD des Hauses Dior, eine einzige Auszeichnung, ein Wappenspruch, ein Motto gewissermassen, fand, und der Preis war mir dabei völlig egal. Und wie ich Tag um Tag auf schönes Wetter wartete, um sie endlich anziehen zu können. Aber wie es bei einem Kunstliebhaber wie mir eben so passieren kann, landet er früher oder später in einem Atelier, vor allem an sonnigen Tagen. Und so nahm das Unheil eben seinen Lauf. Ich kann zwar garantieren, dass dies nicht die letzte Hose von Dior sein wird, die ich erwerben werde (eine Garantie in diesen Zeiten, ich muss verrückt sein), aber es gab, nein gibt noch einen anderen Trost:

Es trug sich zu, dass ich zu den Männermodenschauen nach Paris geladen war und mit dem Nachmittagsflug der Concorde von New York kommend in der Stadt des Lichts eingetroffen war, und mich kurz nach dem Einchecken im Meurice dann plötzlich wiederfand auf dem Wege, ich nahm nicht einmal einen Café au Lait, direkt durch die Stadt an die Rive Gauche, weil ich dort die Boutique von Yves Saint Laurent geöffnet vorzufinden hoffte. Und da geschah es. Ich verliebte mich coup-de-foudre-haft in eine gefütterte Weste in Schwarz (was sonst), die, wie mir ein atemloser Verkäufer berichtete, aus einem Gemisch von Seide und Nylon bestand. Nun muss man wissen, dass ich damals drei Kreditkarten besass (quelle surprise - ah! les neiges d´antan…) und eine davon sofort zum Einsatz brachte. Wer beschreibt mein Entzücken, als man mir das Westchen in die Tasche packte? Ich, wer sonst. Wer denn hinter diesem hocheleganten und dabei so einfachen Design stünde, fragte ich in meinem besten Französisch, und da hörte ich den Namen zuerst: Hedi Slimane. Und es begann eine wunderbare Liebesgeschichte… die meine Kreditkarte schliesslich zum rauchen und meine Bankiers in helle Verzweiflung stürzen würde, so wie es gute Liebesgeschichten eigentlich grundsätzlich tun, wenn man mal ehrlich ist, aber wer ist das schon. Doch halt! Bevor diese Geschichte in totalen Kulturpessimismus abrutscht, wollen wir uns doch lieber zu einer absoluten Krönung der laufenden Kulturgeschichte hinreissen lassen: Die Hedi Slimanes.

Denn, auch, wenn es die Leute bei Dior Homme nur ungern hören werden, Slimane arbeitete, nein genialisierte (wenn man das sagen darf) zunächst bei Saint Laurent, und was tut ein gutes Fashion Victim, wenn es in Liebe fällt, in Liebe? Es kauft die ganze Kollektion.

Es begann damit, dass einer meiner Streifzüge durch Berlin, die glitzernde Hauptstadt des Reiches, das sich nun Bundesrepublik Deutschland nennt, in der Friedrichstrasse im Quartier 206 endete, und wer beschreibt mein Entzücken, als ich dort im ersten Stock einen Blouson, nein, ein Bolerojäckchen in schwarzem Nylon-Seide-Gemisch entdeckte? Ich, wer sonst. Dass ich es dem atemlosen Verkäufer förmlich aus den Händen riess, versteht sich von selbst. Ein Blouson, federleicht, auf Taille geschnitten, von göttlicher Haptik, die untere Naht abgesetzt, so dass man einen etwa fünf Zentimeter Breite Streifen zu-oberst und zu-unterst knöpfen kann, was dem Ganzen unendliche Eleganz verleiht, ja, an die Tizians gemahnt, die Phillip von Spanien in Hoftracht zeigen, (und die, wenn nicht geknöpft, auf das entsetzlichste in den Türen eines Audi TT hängenbleiben können, worauf man ein leises “Ratsch” hört und einen Tag mit fingergespitzer Näharbeit verbringt). Ein Traum, wie er vielleicht Konkurrenz nur noch vom federboa-haften Mantel aus Reiherfedern aus der Hand Sonnia Rykiels einer befreundeten Kühlschrankerbin hat.

Und siehe! Die beiden Kreationen, das Pariser Westchen von der östlichen Uferseite der Seine und die aus der Mitte Berlins fügen sich, beide zugleich getragen, mittig am Reissverschluss derart perfekt zusammen, dass man beim schliessen Beider schon mal den Verschluss der einen, inneren, passgenau (auf den Milimeter!) an den der äusseren heften kann! Eine solche Präzision von aufeinander abgestimmten Teilen der gleichen Kollektion war mir in den Sphären der Männermode bislang nicht begegnet, und ich bin Stammkunde bei Gucci. Wie nützlich allein die unter einem Sakko dämmend getragene, klein zusammenfaltbare Weste bei plötzlichen Klimawechseln sein konnte, erfuhr ich, als ich aus Bali kommend im Novemberwetter des unsinnigerweise offen gebauten ICE-Terminals am Frankfurter Flughafen wartete, oder als ich aus dem brütend heissen Houston - man hatte mich als Gerichtsberichterstatter zu den Erbstreitigkeiten der viel zu früh verstorbenen Anna Nicole Smith entsandt - zurück nach New York zu den Schauen flog, das in einem Blizzard versank. Da ist man(n) dankbar, dass jemand so sinnvoll dem Cosmopolitan zuarbeitet.

Doch zum nächsten Höhepunkt, und glauben Sie mir, in der Geschichte Slimanes gibt es derer viele: Denn fortan umschlich ich das Quartier 206 zu Berlin, der inzwischen bankrotten einzigen Metropole unseres an Bankrotten wahrlich nicht armen Landes (doch das ist eine andere Geschichte) mit der Hingabe eines ausgehungerten Wolfes in einer der Erzählungen Tolstois. Ich jagte ihn. Und vielleicht überrascht es niemanden, dass das nächste Objekt der Begierde aus schwarzem Leder war: Ein Hemd. Was sage ich, ein Hemd. Ein Hemd! Aus Leder, so fein und handschmeichlerisch, wie man es sonst nur noch bei den alten Rolls-Royces findet und Conolly nennt. Ein Luxuswagen zum Anziehen gewissermassen. Und natürlich fragte ich nicht nach dem Preis, sondern wechselte den Bankier. Dass mir eine Freundin für das Hemd neulich den doppelten Kaufpreis dafür bot, versteht sich fast von selbst, ebenso selbstverständlich, wie ich ihr Angebot indigniert ablehnte. Und es ist wohl evident, dass Besitzer von Jacken, Hosen und Hemden aus Ledern minderer Qualität mich mit mehr oder weniger verhohlenem Neid nicht nur aus den Augenwinkeln bedenken, und derer gibt es viele, nein, es sind eigentlich alle, meine Jacke aus Handschuhleder von Gucci nehmen wir davon einmal aus, aber die gehört ja schliesslich auch mir.

Der Rollkragenpullover ohne Ärmel in Stretchwolle, unendlich schlicht, unfassbar fein gewebt, ich erwähne sie nur am Rande. Und damit endet die Geschichte Slimanes für das Haus Saint Laurent, Und sein unaufhaltsamer Aufstieg bei Dior Homme beginnt.

Wollen wir dem Franzosen maghrebinischer Familie vorwerfen, dass er ob seiner eigenen Jugend und körperlichkeit den Body-Mass-Inndex seiner Kollektionen derart verringert hat, dass die Stücke eigentlich nur schwebenden Epheben stehen? Wir tun es nicht. Wenn sogar Lagerfeld deswegen dem Diätwahn verfällt und 40 Kilo abnimmt, sei es verziehen. Das neuste Werk des passionierten Fotografen Slimanes zeigt einen Jüngling, der in eine Aprikosenscheibe beisst, natürlich ist es nur eine Scheibe (volle Früchte sind ein Zeichen der Lust seit der Renaissance), natürlich ein junger Mann, natürlich in Schwarz-Weiss. Als ich am Büro meines damaligen Ressortchefs vorbeigehe und ein längliches Buch entdecke, achtlos beiseite geworfen, belagere ich es auf dem Korridor bis kurz vor Auftauchen des Putzdienstes, um es in Besitz zu nehmen, natürlich eine Ausgabe der Visionaire, natürlich das sich Dior widmende, natürlich von Slimane gestaltet, und natürlich seitenweise in Grau.

Es gehört zu den ebenfalls tragischen Fällen meines Daseins, dass die erste Möglichkeit, den inzwischen in Berlin lebenden Designer für eine grosse deutsche Sonntagszeitung, (deren Namen zu nennen sich schon allein deswegen verbietet, weil sie ihn nun wirklich nicht länger verdient), zu interviewen, im Sande verlief, weil ein sich bis auf den heutigen Tag unbegreiflicherweise als Modekenner gerierenden Vizechef oder Creative Director oder was auch immer vordrängelte und es lieber selber tat, schlecht wie ich fand überdies, aber das ist eine andere Geschichte - und vielleicht war es besser so. Man muss Chopin nicht gekannt haben, um die Mazurkas zu verstehen, tant pis! Doch nun zu seiner Biographie, wir zitieren Booth Moore aus der L.A. Times (die Zitate des Designers sind in Kursiv:

Slimane was a student at the Ecole du Louvre in art history before he came onto the fashion scene in 1996, designing menswear for Yves Saint Laurent, then moving to Dior in 2000. He grew up in Paris, where his mother was a seamstress and his father an accountant. It was weird growing up because half of my family was middle class and half of my family was wealthy, he says. It was the total opposite lifestyle, which I think is why now I always need the high and the low, the street and the social [set]. I was raised like that to go from regular car to a Bentley.

If it were up to him, he’d be driving himself around L.A. in a 1970s lowrider or a vintage sports car, instead of being chauffeured in a sedan. For Slimane, never-ending asphalt is the stuff of dreams, and the inspiration for the Rodeo Drive store.

It is about elongation because the space is very narrow, he says. Instead of trying to change that, I will make it like the highway. It’s a metaphor for the city.

On his last trip to L.A., he tried to enroll in driving school, but it didn’t work out. Still, Slimane is determined to learn, even if it means having a friend teach him in a vacant parking lot.

It seems he’s found his next project.

Last year he released Stage documenting live performances by the Stones, the White Stripes, Franz Ferdinand and others. I especially like the transformation just before going onstage he says. That’s the moment they become rock stars.

When working with Doherty or Jagger, he says, I don’t want to dress them, I want them to tell me something I can do for them. Some of his clients, such as Justin Hawkins from the British band the Darkness, are looking for fantasy stage wear. Like David Bowie in his day, he says. They know exactly what they want, but you have to understand performance and body language. It’s a lot of work, actually, like designing a collection of its own.

Slimane’s collections have cut a wide swath through the music world. Last year, he mined Seattle grunge and glam rock. His spring ‘06 collection — shown in Paris last month — riffed on 1980s ska bands with a mod twist. As always, there were the skinniest of jeans, this season held up with narrow suspenders, and paired with black-and-white checkerboard tees or sleeveless shirts with gaping armholes, and two-toned flat-soled creepers. A gold sequined jacket came decorated with the Union Jack and silky baseball jackets were dotted with musical notes.

Like many designers today, he is multitalented and talks enthusiastically about his projects, which span fashion, art and interior design. He has designed ebony and stainless steel furniture available exclusively at the Dover Street Market in London, and he recently completed a residency at Berlin’s Kunst-Werke art gallery. Berlin was the subject of his first book, and the lean look of the young students in the German capital was an inspiration for more than one Dior collection. Early in his fashion career, Slimane plucked models from Berlin streets, satisfying a fascination with spindly physiques that continues with his runway casting today.

(The Los Angeles Times on 27 August 2005, written by Booth Moore, Times Staff Writer)

Man muss sich nun allerdings einer furchtbaren Tatsache stellen: Slimane ist seit 2007 nicht mehr bei Dior, es ist, als verliesse einen der Geliebte, auch wenn sein Geist in seinem Nachfolger Kris van Assche fortzuleben scheint. Aber zitieren wir doch anlässlich dieser Tragödie mal einen meiner werten Kollegen, und ich zitiere wörtlich:

“Can I speak to Mr. Dior please?”, das T-Shirt aus der aktuellen Dior Winterkollektion (Fall 09) ist eines der wenigen Teile, mit dem der Herrensparte des Modehauses Dior seit dem Abschied von Hedi Slimane im Jahr 2007 endlich mal wieder Aufmerksamkeit zuteil wird. Auch wenn der Spruch zunächst cool anmuten mag, so birgt er eine unglückliche Doppeldeutigkeit in sich.
Angesichts der Tatsache, das Kris van Assche, mit seinem Entwürfen für Dior Homme bisher nur wenig Anklang bei Einkäufern und Modepresse findet, lässt sich der Satz auch als verzweifelter Hilferuf eines Chefdesigners deuten, der den Rat des stets stilsicheren Christian Dior bitter nötig hat.
Während sein Vorgänger Hedi Slimane, mit seiner ultraschlanken Silhouette, und den skinny-model-boys die Männemode revolutionierte und mit seinen Glam Rock Chic den Nerv der damaligen Zeit traf, unvergessen seine beiden von Pete Doherty inspirierten Kollektionen für die Saisons Fall 2005 und Spring 2006, verliert sich Kris van Assche in untragbaren, grotesken Entwürfen, die Mann einfach nicht tragen will. (Sakkos mit transparenten Chiffonärmeln irgendwer?).
Von seinem Debüt für Sommer 2008 bis hin zu seiner erst im Juni dieses Jahres vorgestellten Kollektion für Sommer 2010, hagelte es von Modeguru Tim Blanks, stets negative Kritik. Diese verpackt Blanks zwar stillvoll in intelligent gewählte Synonyme, ähnlich eines Arbeitszeugnisses, bei dem hinter jeder blumigen Formulierung, ein vernichtendes Urteil steckt.
V-Ausschnitte bis zum Bauchnabel, voluminöse M.C Hammer Hosen, ungelenke Proportionen, knielange T-Shirts, durchsichtige, billig glänzende Kimonos, kragen- oder ärmellose Sakkos und transparente Hemden, da kräuseln sich bei vielen Männern die Fußnägel. Nicht wirklich tragbar. Überhaupt Transparenz, das sieht am Manne immer unseriös und billig aus. Immer!
Kris van Assches Kollektionen wirken auffällig bemüht, einerseits dem populären Dior Look Slimanes aus kommerziellen Gründen nach wie vor zu entsprechen und anderseits in dem Versuch eine neue, eigene Handschrift zu entwickeln. Nun fragt man sich wie van Assche überhaupt in die privilegierte Situation kam, eine der einflussreichsten modischen Erbschaften des 21. Jahrhunderts anzutreten? Nun der Thronfolger war immer dicht dran am König. Der heute 33-jährige Belgier van Assche arbeitete jahrelang als Design Assistent von Hedi Slimane und bastelte mit ihm zusammen an den Herren Kollektionen für YSL und Dior, bevor er im März 2007 das Zepter bei Dior Homme übernahm. Mal sehen, wie lange er das Regiment dort noch beherrscht.”

Zitat Ende.

Ich selbst schireb zum neuen Mann auf dem Dior-Thron anlässlich der Modenschauen in Paris zur letzten Saison:

“Well, but though surely not at Dior. Diana Vreeland once said “you can´t either be too slim or too rich” - well, and if this doesn´t fit perfectly to the Dior homme man - or boy - les mots me manquent. There is this minuscule quota of refinement and air that is present in all the presented pieces, marking Dior as the most prestigious luxury label after all, and, well, Dior is Dior. Whether it was necessary to preheat the audience with radiators from above is questionnable, though perhaps a nice touch against the sleek coolness that was pervading the air right from the beginning of the toned down and fine cut presentation. The techno music was surely debatable. It´s this extra little edge that Kris Van Assche put into the collection with his asymmetrical, geometric cuts and a touch of upper-class-punk, of course taking refuge into black and white, and black and white it is. Those gloves with the white-stiched, highlighted indexfinger-pieces might well be the most stunning accessoire seen this whole season. But again, those, who look best in the clothes, will have to steal them. The gap between wearability and presentation is a Grand Canyon - but can well be overlooked from the aesthete´s point of view.

If there would be something as Haute Couture pour Homme, Dior would be the perfect thing - sans doute.”

Slimanes Geist scheint bei Dior jedenfalls weiter zu wandeln, und das ist ein schwacher Trost, aber eins bleibt ohne Zweifel: Wenn es eine Ikone der Mode der letzten zehn Jahre gäbe, Hedi Slimane hätte gute Chancen, dazu erklärt zu werden - nun: Ich erkläre ihn dazu.

Harald Nicolas Stazol for Dare Magazine, 9/9/09

Gerade wiederentdeckt, vor zehn Jahren im Spiegel, seufz… Über das Schlussmachen

June 10, 2008 on 4:00 pm | In CONVERSATIONS, CULTURAL FASHION, DIARY AND EVENTS, ESSAY, SPECIALS | 1 Comment

Neunundachtzig Sonette lang wartet William Shakespeare mit seinem Angsttrauma, erklärt vorher unverbrüchliche, ewige Liebe und gibt den Paaren kommender Jahrhunderte bis heute romantisch-schönes Gesäusel in die Hand: den vielleicht vollendetsten Gedichtzyklus des Abendlandes.

Aber dann packt ihn die Angst. Er ist wohl, die Forscher streiten sich, gerade 28 Jahre alt, man schreibt das Jahr 1592 unter der Herrschaft Elisabeths I. Schauspieler ist er, ein Nichtsnutz und obendrein verliebt. Unsterblich. Und er schreibt: “Verläßt du mich, verlaß mich nicht zuletzt, wenn andere Leiden längst schon ausgetobt.”

Die stumme Forderung dieser Zeilen ist das erste Reglement des ungeschriebenen Kanons aller Verlassenen.

Wenn es geht, dann bitte gleich, im ersten Moment des Zweifels, damit es schnell vorüber geht, nur schnell, fleht der Poet und mit ihm jeder, der je in der Situation war oder es noch sein wird.

Als wäre das richtige Timing immer so einfach. Gar nichts ist einfach beim Verlassen, für niemanden, Ach und Krach sind da eher die Regel, Wehe und blöde Szenen, schön ist das nicht.

Dabei ist es ziemlich leicht, am Ende des 20. Jahrhunderts jemanden zu verlassen: Einfach nicht mehr ans Telefon gehen. Dauernd Migräne vortäuschen, die drei Wochen anhält. Jeden attraktiven Fremden mit entblößtem Gebiß und vorgeschobenen Hüften um Feuer bitten, vorzugsweise in Begleitung.

Die innere Ordnung des Verlassens ist unerbittlich. Am Anfang steht meist ein sehr unnötiger Satz, vielleicht der allerunnötigste: “Wir müssen mal miteinander reden.” Und dann ist es da, das Gespräch. Irgend etwas muß sich ereignet haben am anderen Ende, etwas unendlich Kleines und unsagbar Endgültiges, etwas, das Leben verändert, verändern wird, verändert hat, etwas, das große Männer zu weinenden Kindern und schöne Frauen zu grausamen Hexen macht.

Das arme Gehirn klammert sich noch an die letzten Vertrautheiten, den Glauben an das Verschontwerden, und doch zuckt das Wissen bereits im Hinterkopf: Soeben wird man verlassen, nach allen Regeln der Kunst.

Das Verlassen hat eine ganz eigene Dynamik, eine ziemlich konsequente, einfache, immer gleiche: “Folgendes: Finito.” Nur, daß es meistens mehr Worte braucht, manches Würgen auch und oft viel Wasser.

Interessant ist lediglich, wie man sich am besten entledigt. Und wie es eigentlich dazu kommen konnte, zum Anfang vom Ende. Der kann so ziemlich überall anfangen, der Schlawiner, irgendwo zwischen Bettzeug und “Zeig mir mal deine Kontoauszüge”, “Du warst so lange weg” oder “Wir waren beide betrunken”. Auch schön: Ein von der besten Freundin gemurmeltes “Er war doch schon seit längerem so komisch.” O je.

War er nicht. Sondern ist aufgestanden und hat morgens Brötchen geholt, treulich weggeschaut, wenn ihm ein unbefugter, feuriger Blick zugeworfen wurde. Hat still die Zahnpastatube zugedreht und Verständnis für die Knicke in den Zeitschriften aufgebracht. Unsägliche beste Freundinnen, nachmittagelang ertragen, deren Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichten angehört, sie anschließend mitanalysiert und es zugelassen, daß sein bester Wein dabei weggetrunken wird. Und dann noch sein bester Whisky. Und hat sich dann nicht so gehabt.

Leise und nur mit einem Schulterzucken hat er seine Lieblingsplatte, Brahms’ Vierte unter Knappertsbusch, von achtlosen Händen zerkratzt (”Ich liebe Brahms”), in den Müll geworfen, sich ohne Widerwort vom Schwiegervater angehört, daß Carl Orff der größte deutsche Komponist aller Zeiten war. Und dabei der Mama bestätigt, wie belesen ihr Gatte sei und wie zart das töchterliche Boeuf Stroganoff und wie rosig ihr Teint noch sei, oder umgekehrt.

Aber das zählt jetzt eben alles nicht mehr, es gibt nichts zu sagen. Die nächtelangen Gespräche? Umsonst.

Wie ein Buchhalter kommt sich vor, wer alle gemeinsame Zeit zur Aktiva-Seite bilanziert und sich nur im Vorzeichen geirrt hat und alles nun als Passiva wiederfindet, jede Investition ein Verlust. Da heißt es großzügig sein und nimmermehr sich befassen und im großen Stile abschreiben und vergessen, diesen so kerngesunden Betrieb aller beider, der nun mit einem Federstrich, nein, mit dem klärenden Gespräch aus der Welt zu schaffen ist, bankrott, getilgt, ruiniert.

Verlassen so Männer Frauen? Bei Tolstoi, dem alten, weisen Russen, in “Krieg und Frieden” zum Beispiel verläßt kein einziger Mann seine Frau, obwohl doch in den drei Bänden des wohl größten Romans aller Zeiten weiß Gott Platz genug dafür wäre. Helena dagegen, die Tochter des Prinzen Basil, will irgendwann am Ende des 28. Kapitels im elften Buch die Scheidung von Peter. “Er mag mich viel zu sehr, um mir irgend etwas abzuschlagen”, sagt sie dort - und der gerechte Tod ereilt sie dann etwas später, vorher wird ihr noch ein Bein amputiert.

Madame Bovary hält ihren armen Gatten bis zum bitteren Ende, obwohl sie ihn die ganze Zeit schändlich behandelt, die schon erwähnte Elisabeth I. läßt ihren Norfolk im Tower verschmachten bei Wasser und Brot, da kann der ihren Gunstring als Gnadengesuch zurückschicken, wie er will. Und was Gaius Julius Cäsar von seiner Ägypterin hatte in den Iden des März, der Vollidiot, konnte nicht mal Brutus ihm mehr sagen, obwohl er ihn zuletzt noch um seine Meinung gefragt haben soll.

Wenn Männer verlassen, dann heroisch, immer das Neue im Blick! Bertolt Brecht sieht den Radwechsel mit Ungeduld, weil er weiß, daß am Ziel schon die Neue wartet. “Und fragst du mich, was mit der Liebe sei, so sag’ ich dies, ich kann mich nicht erinnern”, hat er gesagt, der Schelm.

Der Vicomte de Valmont der “Gefährlichen Liebschaften” ist “dagegen machtlos” einer Wette wegen. Humbert Humbert aus Nabokovs “Lolita” schließlich heiratet die Volljährige nur um der Minderjährigen willen.

“Ich habe die Welt nicht geliebt, noch die Welt mich”, hat Lord Byron einmal geschrieben. Was für ein großartiges Thema, um jeder Zurückweisung zu begegnen, für jedes Gefühl gewappnet zu sein und trotzdem sich einlassen zu können, ob blond, ob braun, und wenn Byron es nicht wußte, wer dann?

Oscar Wilde vielleicht, der verließ alle heldenhaft, seine Frau, den schwulen Lord, das Zuchthaus und schließlich sein Leben, deswegen hatte er ja auch für alle Lebenslagen etwas Passendes: “Erfahrung ist der Name, den jeder seinen Fehlern gibt.” Ist ja gut, Oscar.

Die Krönung des Verlassens aber ist die Trennung, um wiederzukommen, und auch die führt uns niemand besser vor als William Shakespeare. Es war sein früh angelegter eigener Wunschtraum: In dem ganzen romantisch-tragischen Schlamassel verläßt, was die meisten verdrängen, Romeo seine Julia und geht nach Mantua (aus Gründen der Strafvermeidung in Verona, weil er, man erinnert sich, Tybalt getötet hat, doch das ist jetzt wenig von Belang). Aber er verläßt Julia nur, um höchst dramatisch zurückzukehren, mit besten Absichten.

Der Rest ist bekannt, alles geht schief, und Theaterwissenschaftler, Dramaturgen wie Liebespaare werden es ihm ewig danken.

Der Tulpenwahn - Episode des ästhetischen Irrsinns

March 4, 2008 on 6:12 pm | In CULTURAL FASHION, ESSAY, LIVESTYLE, MODE, SPECIALS | No Comments

Eines der wohl ästhetischesten Phänomene des Hypes dürfte von einer Blume ausgelöst worden sein, an sich schon ein Vehikel der zerbrechlichsten, duftigsten Schönheit: Im 17. Jahrhundert, das so reich an Ungewöhnlichem, an Aufbruch und Umbruch war, politisch, stilistisch und intellektuell - der dreissigjährige Krieg tobte durch halb Europa, der Barock begann sich durchzusetzen, und die ersten Triebe der Aufklärung gewannen Form und Halt - gelangte die Tulpe zu einem Ruhm, der in der Geschichte nicht seinesgleichen findet.Es geschah in Holland, das sich unter Wilhelm von Oranien gerade von dem Joch der Spanier befreit hatte, einem Land, das in voller Blüte stand, im Schatten der Reformation und unter dem Geldsegen des überreichen Seehandels, nicht zuletzt durch die übermächtige Ostindiencompanie. Es war das goldene Zeitalter, Rembrandt, Vermeer und Rubens schufen ihre Meisterwerke, und die Niederlande schwammen förmlich im Geld - und dies war die Vorraussetzung dafür, was sich, wie im folgenden berichtet, zwischen den Jahren 1633-1637 zutrug, dem Hype, der seitdem unter dem Namen “Der grosse Tulpenwahn” bekannt ist.Die Tulpe erblickte das Licht der Welt an den schneebedeckten Hängen des Pamirgebirges, den Tälern der Tien-shan-Berge, “dort, wo China und Tibet in einer der unwirtlichsten Gegenden der Erde auf Russland und Afghanistan stossen”, wie Mike Dash in seinem hervorragend recherchierten Buch “Der Tulpenwahn, die verrückteste Spekulation der Geschichte” (List, Berlin, 319 S., 8.95 Euro) formvollendet und erschöpfend schreibt.Es waren schlichte und kompakte Blumen mit schmalen Blütenblättern, die nur wenige Zentimeter über den Erdboden ragten, meist in Rot, unempfindlich gegen Frost und sehr gut geeignet, die rauhen Winter und trockenen Sommer in Zentralasien zu überstehen. Etwa hundertzwanzig Arten wuchsen am Pamir, Russlands Dach der Welt, dem “Himmelsgebirge” der Chinesen, dem Rückgrat Asiens, eine unüberwindbaren Barriere von mehreren tausend Kilometern Länge und hunderten Kilometern Breite. Hier waren das römische Reich an das Reich der Mitte zusammengestossen, ohne voneinander je Kenntnis zu haben, und noch heute ist es eine der am wenigsten erkundeten Gegenden der Erde. Entdeckt dürfte die Blume wohl von Nomaden auf den Gebirgspässen worden sein, die sie durchquerten, eine willkommene gelb, orange und zinnoberfarbene Abwechslung in der Wüste aus Schnee und Eis, und die wandernden Turkvölker waren es, die die zarte Pflanze, ein Symbol von Leben, Fruchtbarkeit und ein Vorbote des Frühlings, zum ersten Mal im 10. und 12. Jahrhundert zu ihrem Entzücken in Gärten vorfanden. In Persien wurde die Tulpe schon um 1050 kultiviert, sie wuchs in der alten Hauptstadt Isfahan und auch in Bagda. Der Dichter Omar Chajjam pries sie in seinen Werken als Abbild der weiblichen Schönheit, sie stand für Anmut und Wohlgestalt. Mosharref o´d-Din Sa´di beschreibt um 1250 den idealen Garten als Ort, wo “sich das Murmeln eines kleinen Bachs, Vogelsang, überreiche reife Frucht, leuchtend bunte Tulpen und duftende Rosen” zum irdischen Paradies verbinden, und der berühmteste persische Poet Hafez vergleicht den Glanz der Blütenblätter mit dem Schimmer auf der Wange seiner Geliebten. Mit anderen Worten: Die Tulpe war ein Hit.Noch Jahrhunderte danach galt rote Blüten in Persien als Symbol für unsterbliche Liebe. “Wenn ein junger Mann seiner Geliebten eine Tulpe überreicht”, schrieb im 17. Jahrhundert der Reisende John Chardin, “gibt er ihr durch die Farbe der Blume zu verstehen, dass er in tiefer Liebe zu ihrer Schönheit entbrannt ist; und ihr schwarzes unteres Ende soll ihr zeigen, dass sein Herz zu Kohle verbrannt ist.”Die frühesten bildlichen Darstellungen der Tulpe finden sich auf Kacheln, die man bei der Ausgrabung eines Palastes gefunden hat, den der Seldschukensultan Aladin Kaikubad I. im 13. Jahrhundert am Beysehir-See in Ostanatolien erbauen liess.Im Zuge des Feldzugs der Osmanen, die 1354 die Dardanellen überquerten und in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts den Balkan überrannten, folgte, wie man annimmt, der Kult der Tulpe zum ersten Mal weitere Verbreitung, auch deswegen, weil dem Islam der Garten als göttlich galt - die Religion entstammte ja den Weiten der arabischen Wüste. Die Tulpe galt den Osmanen als die Blume Gottes - in der arabischen Schrift setzt sich das Wort für sie, “lale” aus den selben Buchstaben zusammen wie “Allah”. Sie galt auch als Sinnbild der Bescheidenheit: Vollerblüht beugt sie ihr Haupt. Die Türken, die ihr Leben im Kampf opferten, rechneten fest damit, im Paradies göttliche Jungfrauen, die Wein kredenzten, und einen mit Tulpen übersäten Garten vorzufinden. Und so nahmen die Eroberer die Blüten mit, als sie in Europa einfielen. Der Siegeszug der Tulpe hatte begonnen.“Zweihundertfünfzig Jahre”, so schreibt Dash, ” bevor in den Auktionsräumen der Niederlande Blumenzwiebeln ersteigert wurden, gelangte die Tulpe ins südliche Grenzland Serbiens”. Eine christliche Armee von zehntausend Mann stand unter dem Kommando des Prinzen Lazar am St.Veits-Tag des Jahres 1389 der doppelten Anzahl osmanischer Türken unter ihrem Sultan Murat I. gegenüber. Am einem 19. Juni wurde das Schicksal des Balkans in der Gegend des heutigen Pristina für die nächsten 500 Jahre besiegelt. Die Türken siegten trotz des Todes ihre Sultans durch den Dolch eines Serben überlegen, und ein Muslim beschrieb die abgeschlagenen Köpfe der christlichen Ritter, die das Schlachtfeld übersäten, “mit einem riesigen Tulpenbeet in flammend roten und gelben Blüten.” Man nimmt an, dass Tulpen dort als Talismane der Türken tatsächlich vorhanden waren, die Osmanen hatten sich die heiligste aller Blumen im Laufe des 14. Jahrhunderts als Schutz vor Unglück auserkoren. Meist stickte man sich die Tulpe auf die Leibwäsche, wie ein schlichtes Hemd eines an der Schlacht beteiligten osmanischen Feldherrn im Museum für türkische und islamische Kunst in Istanbul noch heute bezeugt.Nach dem Fall von Byzanz im Jahre 1453 unter Mehmet dem Eroberer, liess der Sultan sich in der von Gärten durchzogenen Stadt den Topkapi-Palast erbauen, “Das Haus der Glückseligkeit”, der alles überbot, was das byzantinische Jahrtausend hervorgebracht hatte. Ein Chronist schreibt von einer “Vielfalt, Schönheit und Pracht, an jeder Seite, innen wie aussen, Gold und Silber, Ornamente aus Edelsteinen und Perlen, die im Überfluss strahlten und glänzten”. Eines jedoch kam hinzu: Der Hausherr war ein passionierter Gärtner, er werkelte höchstselbst in seinen Gärten.Sein Urenkel Suleyman der Prächtige, der 1522 den Thron bestieg, führte das osmanische Reich - und den Tulpenkult - zu nie gekannter Blüte. Seine brokatene Herrscherrobe, noch immer erhalten, ist über und über mit Blüten bestickt, in seine Rüstung waren die Blumen getrieben und seinen Helm zierten goldgefasste und mit Edelsteinen besetzte Tulpen. Die Tulpe war inzwischen die türkische Pflanze schlechthin - und in Europa noch gänzlich unbekannt.Der erste Gärtner, der sich ganz der Tulpenzucht widmete, lebte in der Regierungszeit Suleymans in der osmanischen Hauptstadt und hiess Seihulislam Ebusuus Efendi - zu einer Zeit, als die Kultivierung der Pflanze kaum bekannt war und ein beträchtliches Wagnis darstellte. Im Jahre 1630 wurden in Istanbul allerdings schon achtzig Blumenhändler und dreihundert Floristen gezählt. Und Suleymans Sohn, Sultan Selim II., ebenfalls ein begeisterter Gärtner, befahl der in Syrien gelegenen Provinz Azit 50000 Tulpenzwiebeln für seine Palastgärten zu schicken.Der schönste aller Gärten war im vierten, inneren Hof des Topkapi-Serails zu finden, zu dem nur der Herrscher und über 1000 Gärtner, die “Bostancis” Zugang hatten.Der erste Europäer, dem die Enführung der Tulpe zugeschrieben wird, gilt der Portugiese Lopo vaz de Sampayo, wie der Gärtner Charles de la Chesnée Montereul in seiner 1654 veröffentlichten Schrift “Le floriste Francois” vermerkt. Doch tatsächlich weiss niemand, wie und wann die Blume Asien verliess. Europäische Botaniker stiessen zum ersten Mal 1560 auf die Blume, und die Forschung schreibt übereinstimmend einem gewissen Ogier Ghislain de Busbecp den Verdienst zu, die Tulpe im Westen heimisch gemacht zu haben: Im November 1554 ging Busbecq als Gesandter des kaiserlichen Hofs nach Istanbul und blieb acht Jahre dort. Er bekam dort von seinen Gastgebern einige Zwiebeln als Geschenk und zumindest im Jahr 1573 lässt sich heute sicher nachweisen, dass er Zwiebeln nach Europa geschickt hat - andere Zeugnisse belegen, dass die ersten Tulpen schon im Jahre 1559 in deutschen Gärten, in Augsburg, wo ein Ratsherr der Stadt Augsburg, Johann Heinrich Herwarth, der sie 1559 in seinem Garten hatte, und bald auch in den Beeten der Fugger, für die gesichert eine Pflanzung für das Jahr 1570 nachgewiesen werden kann. In Wien tauchte die Blume 1572 auf, 1582 gelangte sie nach England, 1593 nach Frankfurt, spätestens 1598 fand sie den Weg nach Südfrankreich,.Busbecq jedenfalls bezeichnete die Blume als “Tulipam”, weil ihre Blätter an einen gewickelten Turban erinnerten - “dulbend” bei den Türken, “tulband” für die Niederländer. Im Werk des Zürcher Naturwissenschaftler Conrad Gessner “Catalogus plantarum” taucht die Pflanze erstmals als “Tulpa turcarum” auf. Und dann trat der grösste Botaniker des 16. Jahrhunderts auf den Plan: Carolus Clusius.Im Herbst des Jahres 1562 ging in Antwerpen ein Schiff vor Anker, das Stoffe aus Istanbul geladen hatte, und irgendwo unter den Ballen fand sich ein Päckchen Tulpenzwiebeln für den Grosshändler, der damit nichts anzufangen wusste und sie sich, bis auf wenige Exemplare, mit Essig und Öl gewürzt zu Gemüte führte. Den Rest pflanzte er in seinem Gemüsegarten neben dem Kohlbeet an, und im Frühjahr 1563 blühten die ersten Tulpen in leuchtendem Gelb und Rot, die ersten, die in den Niederlanden je zu sehen waren. Ein Besucher des Gartens, Joris Rye aus Mechelen, grub einige Exemplare bei sich in die Erde, und was viel wichtiger war, schrieb einigen befreundeten Wissenschaftlern von seinem Fund, unter anderem Carolus Clusius, der sie in seinen Schriften 1570 erstmals erwähnt: Es seien “Blumen, die durch ihre liebreizende Vielfalt unser Auge erfreuen”. Clusius hatte in den Diensten des Kaisers in Wien gestanden und dürfte einige Zwiebelsendungen vom kaiserlichen Gesandten in Istanbul erhalten haben. Ausserdem stand er mit Olivier Ghislain de Busbecq in Kontakt, der ebenfalls bei Hofe weilte. Clusius war ständig auf Forschungsreisen gewesen, bis ihn die einzige, im Jahr 1575 gegründete Universität der Niederlande, Leiden, an die medizinische Fakultät berief. Und er verschickte die Samen und Zwiebeln seines Gartens in ganz Europa an befreundete Gartenenthusiasten. Er dürfte die Person gewesen sein, die zuerst für eine weitere Verbreitung der Tulpe auf dem Kontinent gesorgt hat. Zudem pflanzte er seine erworbene Sammlung von Tulpenzwiebeln selbst an, studierte, erforschte und kultivierte sie bis zum Ende seines Lebens 1609 wie kein anderer - seine Forschungen veröffentlichte er 1576 in seiner “Historia”, sowie in seinem Meisterwerk “Rarorium Plantarum Historia”, erschienen 1601. Er katalogisierte darin bereits 34 Arten.Zunächst befindet sich die Tulpenzucht also in den Händen einiger weniger Enthusiasten und Sammler, die Blume aber gewinnt in den höheren, zunehmend wohlhabenderen Kreisen Hollands rasch an Beliebtheit, nicht zuletzt als Statussymbol und Zeichen des guten Geschmacks - sie kamen in Mode, und erzielten bereits beachtliche Preise. Aber erst der ungeheure Wohlstand Hollands im goldenen Zeitalter schuf den Hintergrund und die Voraussetzung für den unbeschreiblichen Verlauf, den die Geschichte der Tulpe und zugleich die Wirtschaftsgeschichte überhaupt nahm.Man muss vorausschicken, dass es in den Niederlanden dank ihrer puritischen calvinistischen Tradition keine Statussymbole herkömmlicher Art gab. Die unterschiedlichen Stände trugen strenges schwarz zu weissen Spitzenkrägen, wie sie noch heute in den Bürgerportraits Rembrandts zu finden sind. Überdies waren die Holländer überaus sparsam, man nimmt an, das Handwerker wie Händler mindesten ein Fünftel ihrer Ersparnisse übers Jahr zurücklegten, was eine ungeheure Konzentrierung von Investitionskapital bewirkte. Und so waren die höheren Stände und Gartenliebhaber durchaus bereit, hohe Summen für ihre Liebhaberein auszugeben. Die beliebtesten Tulpengruppen im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts waren die Rosen, Violetten und Bizarden, man züchtete etwa 400 verschiedene Arten, von denen allerdings eine zu den Begehrtesten gehörte, die „Semper Augustus“, die auf ihren Blättern von unteren blauen Nuancen zu von roten Flammen durchbrochenem Weiss an der Blütenkrone bedeckt war. Sie war derart selten, dass Exemplare on ihr schlicht nicht erhältlich waren – nicht zuletzt deshalb, weil sie Opfer des Mosaikvirus war, dessen Einfluss unbekannt war. Sie war schlicht nicht züchtbar – ein reines Zufallsprodukt, heute ausgestorben. Abbildungen von ihr finden sich noch heute auf Blättern der sogenannten Tulpenbücher, die für wenig Geld von renommierten Künstlern geschaffen wurden und als frühe Verkaufskataloge dienten. Die Grundlagen für eine beispiellose Hausse waren vorhanden.Tulpen waren ein knappes Gut, und mit Zwiebeln der selteneren Arten waren innerhalb eines Jahres über 400 Prozent Wertsteigerung zu erzielen – und so gewann die Blumenzucht immer mehr Anhänger, sie hofften auf ein leichtes Geschäft mit ungeheurer Rendite: Eine Schnittblume soll ihren Besitzer in der Anfangsszeit des Booms für tausend Gulden gewechselt haben, in einer Zeit, als der Tagessatz eines einfachen Handwerkers ein paar Stüver betrug. Tulpenliebhaber fanden sich unter wohlhabenden Kaufleuten, die sich der ebenfalls neuen Mode der Landhäuser hingaben und ihre Parks mit Tulpenbeeten verschönerten. Der Kaufmann Jacob Poppen etwa hatte sein Vermögen im Indien- und Russlandhandel verdient und hinterliess nach seinem Tod 1624 das schier unermessliche Vermögen von 300000 Gulden.Um 1633 waren Tulpen dann dank der Bemühungen der Gärtner überall erhältlich und ein handelbares Gut, und das Drama nahm seinen Lauf. „Wer nur irgendwie konnte,“ so Mike Dash, „investierte in Tulpenzwiebeln, und viele machten mangelndes Startkapital durch die Bereitschaft wett, ihren Besitz zu investieren“. Die Holländer wurden Opfer ihrer beiden hervorstechendsden Eigenschaften: Dem Hang zu sparen und dem zu spielen.Im Sommer 1633 wechselte ein ganzes Haus in Hoorn den Besitzer für drei Tulpenzwiebeln, zum ersten mal wurden Tulpen als Zahlungsmittel eingesetzt. Ab 1634 führte steigende Nachfrage zu immer höheren Preisen, bis sich im Winter 1636 der Wert einiger Zwiebeln in fast einer Woche verdoppeln konnte. In nur zwei verrückten Monaten war das ganze Land im Tulpenrausch und viele Niederländer steckten ihr gesamtes Vermögen in den Handel mit dem fragilen Produkt. Die „Semper Augustus“ kostete im Jahr 1633 5500 Gulden und 1637 bereits 10000 Gulden.Doch es ging noch weiter. Mike Dash: „Mit ihrer Zustimmung, Blumenzwiebeln zu verkaufen, die monatelang nicht geliefert werden konnten, schufen die Tulpenhändler das, was man heute Terminmarkt nennen würde“: Ein Händler setzt den zukünftiegn Wert einer Ware, indem er verspricht, an einem festgelegten Termin irgendwann in der Zukunft einen genau festgelegten Preis für die Ware zu bezahlen – ein überaus riskantes Unternehmen. Es entstand eine fieberhafte Manie. Zum Vergleich: Eine Tulpe im Wert von dreitausend Gulden in anderen Waren hätte insgesamt kaufen können: Acht fette Schweine, vier fette Ochsen, zwölf fette Schafe, 24 Tonnen Weizen, 48 Tonnen Roggen, zwei grosse Fässer Wein, vier Fässer Bier, zwei Tonnen Butter, 500 Kilo Käse, einen silbernen Kelch, einen Ballen Stoff, ein Bett mit Matratze und Bettzeug und schliesslich ein Schiff.Ort der Transaktionen waren Hinterzimmer von grösseren Gasthäusern gewesen, bei denen reichlich Wein und Bier floss, was nicht gerade die Rationalität des Handels förderte.Doch in der ersten Woche im Februar 1637 war alles vorbei. Ein Pfund der Art „Witte Croons“ wurde für 1250 Gulden angeboten – und niemand kaufte. Der Markt brach innerhalb von Tagen zusammen – und Holland war ruiniert. Der Maler Jan van Goyen hatte sich derart verspekuliert – um nur einen zu nennen – dass er zahlungsunfähig war. Neben einem Schuldenberg von 897 Gulden hinterliess er mehrere ausgezeichnete Landschaften, von denen viele vermutlich nicht gemalt worden wären, wenn er sein Glück im Tulpenhandel hätte machen können. Er war das letzte bekannte Opfer des Tulpenfiebers. Der Traum vom schnellen Geld dank Floras reichen Gaben war vorbei.

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